Gynäkotopie, eine Utopie?

13. Februar 2008, 17:02
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Frauenräume, speziell politische, schwinden dahin, während Bedarf und Imagination seit jeher bestehen - Als Beispiel "La Cité des Dames" von Christine de Pizan

Mehr als vierzig Jahre ist es her, dass innerhalb der Neuen Frauenbewegung in Österreich nach langem Ringen und höchstem Einsatz unzähliger Feministinnen einige öffentliche Räume für Frauen bereitgestellt werden konnten. Am 1. November 1978 nahm das erste Wiener Frauenhaus seinen Betrieb auf, im Jahr davor wurde die erste feministische Buchhandlung "Frauenzimmer" gegründet und einige Monate danach das Frauencafé eröffnet, um nur wenige Institutionen zu nennen. Einige bestehen nach wie vor, andere - wie das "Frauenzimmer" mussten geschlossen werden.

Dass Frauen eigene, nur für sie zugängliche Räume brauchen, wusste nicht nur Virginia Woolf. Geschichtlich und gegenwärtig wurde und wird der Diskurs, ob und welcher Raum für Frauen in patriarchalen Gesellschaften existiert, geführt. Und daraus folgend: Auf welche Art und Weise und mit welchen Mechanismen kamen und kommen sie in männlich geprägten Strukturen zu Wort? Die spanische Universitätsprofessorin María-Milagros Rivera Garretas näherte sich mit einer feministischen Spurensuche im europäischen Mittelalter dieser Schwierigkeit der "Orte und Worte von Frauen" an, indem sie ihren Fokus auf die "materielle und symbolische Auslöschung der mütterlichen Genealogie" richtet. Denn der "Muttermord", wie die Philosophin Luce Irigaray diese Verdrängung nennt, schwächt die Beziehungen der Frauen unter einander, entwurzelt sie und vernichtet bzw. marginalisiert, nicht bloß symbolisch, ihre eigenen Räume.

"La Cité des Dames" von Christine de Pizan

Im Mittelalter bildet diesbezüglich ein schriftstellerisches Werk den Höhepunkt. Zum ersten Mal im Abendland - soweit wir wissenschaftlich davon Kenntnis haben - wird ein ausschließlich für Frauen bestimmter Raum imaginiert und seine materielle und geistige Existenz gefordert: "La Cité des Dames" - Stadt der Frauen - von Christine de Pizan (1364 - 1430). Entworfen wird eine sogenannte "Gynäkotopie" ("Gynetopia"), ein Ort, der keine Utopie ist, denn Upopie heißt ja "kein Ort". Christine de Pizan bezeichnete diesen Ort/Raum als "Stadt der Schwesterlichkeit" (Cité de consoeurerie), in der Frauen für Männer unantastbar sind, dem Zugriff des Patriarchats entzogen. La Cité des Dames wird als autonome politische Einheit mit einer eigenen, von Frauen gemachten Geschichte vorgestellt. Die Aktivitäten der Stadtbewohnerinnen bestimmen eine weibliche Genealogie, in der sich die Wurzeln für ihre Geschlechtsidentität finden.

Zum Inhalt

"Die Stadt der Frauen", geschrieben zwischen Dezember 1404 und April 1405, besteht aus zwei Büchern: "La Cité des Dames" und "Le Livre des Trois Vertus", auch "La Tresor de la Cité des Dames" genannt. Im zweiten Teil wird aufgezeigt, wie sich Frauen unabhängig ihres Standes für die Gesellschaft nützlich machen und in die Stadt der Frauen aufgenommen werden können. Dieses Buch besteht wieder aus drei Teilen.

Im ersten Teil stellt sich die Autorin als Humanistin in ihrer Schreibstube, umgeben von vielen Büchern, vor. Sie denkt darüber nach, warum in den zeitgenössischen Werken der Männer Frauen systematisch diffamiert wurden. Pizan nimmt dann einige antike und mittelalterliche Werke auseinander; z.B. kritisiert sie Ovid, der im Alter an ihnen herumekelte, "weil er sich nicht mehr mit ihnen vergnügen konnte". Auch der "Gottesstaat" Augustinus' sei extrem misogyn. Sie fordert, dass Frauen für sich selbst sprechen und in der Regierung, in den Wissenschaften und sogar im Heer wichtige Positionen innehaben sollten. In diesen Gedanken schläft sie ein.

Vernunft baut die Frauen-Stadt

Im Traum erscheinen ihr drei Frauen (wieder ein Hinweis auf matrizentrisch/matrilineare Strukturen), die allegorisch für Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit stehen und weisen ihr den Weg aus ihrer Niedergeschlagenheit. Im Gespräch mit den dreien geht es um die "wahre Natur" der Frauen und die Ursachen für ihre schwierigen Lebensumstände. Die Vernunft-Frau sagt ihr, dass die Zeit der Befreiung für die Frauen gekommen sei und sie mit Hilfe der drei Tugenden eine uneinnehmbare Stadt bauen wird, in der "ausschließlich berühmte und vornehme Frauen" leben werden, die für jegliche Aggressionen unzugänglich seien. In der Zwischenzeit baut Vernunft die Stadt.

Ein autonomer Zufluchtsort

Im zweiten Teil werden die weiblichen Qualitäten analysiert. Hier wendet sie sich auch schroff gegen das Vorurteil, Frauen würden bei Vergewaltigung Lust empfinden. Im dritten Teil schlussendlich geht es um die Frauen, welche die Stadt bewohnen werden. Sie haben Prüfungen zu bestehen, besonders hinsichtlich ihrer - oft von Pizan zitierten - Tugendhaftigkeit. Zum Abschluss ihres Werkes ruft Christine de Pizan alle Frauen auf, sich über die Gründung eines eigenen Raumes zu freuen und dort Zuflucht zu suchen:

"Sie soll euch allen, die ihr die Tugend liebt, nicht nur als Zufluchtsort dienen, sondern auch - vorausgesetzt ihr verteidigt sie gut - als Hort ... gegen eure Feinde und Angreifer... Und dann, meine lieben Frauen, treibt bitte mit diesem neuen Vermächtnis keinen Missbrauch...". Indem Pizan ihr Vermächtnis betont, wird die Wertigkeit der weiblichen Genealogie wieder besonders deutlich: es geht um die Weitergabe von Frau zu Frau.

Frauen unter sich

Im Vergleich zu Charlotte Perkin Gilmans ">"Herland" kommen in "La Cité des Dames" Männer nicht vor, sie müssen erst gar nicht eliminiert werden. Die Stadt der Schwestern und Freundinnen braucht keine familiären Beziehungen. Pizan zog zwar die Ehe dem Klosterleben in ihren Empfehlungen vor, aber in der Stadt der Frauen schließt sie Familien aus. Wie aus diesem Buch und auch ihren anderen hervorgeht, war Pizan bezüglich einer Verbesserung der Geschlechterbeziehungen alles andere als optimistisch, denn ihre Stadt der Frauen war nicht bloß vorüber gehend gedacht, sondern ewig während. In diesem Sinne sah sie ihre Zurückweisung der Heterosexualität - Frauen dürften sich nicht von den Verlockungen der Charmeure einwickeln lassen - für notwendig an. Hier drängt sich die Spekulation auf, dass Pizan möglicherweise an ein parthenogenetisches Konzept zur Fortpflanzung gedacht hat, explizit ausgedrückt wurde es nicht.

Christine de Pizans Vision eines eigenen Raums für Frauen begründet sich auf ihrem als nowendig erachteten "Schutz gegen die aggressive Männerwelt", dem nicht bloß mit der Schaffung symbolisch getrennter Sphären begegnet werden könne, sondern es eines physischen eigenen Ortes, umgeben mit einer Mauer, bedürfe. (Dagmar Buchta)

María-Milagros Rivera Garretas:
übersetzt von Barbara Hinger
Orte und Worte von Frauen
Eine Spurensuche im europäischen Mittelalter
München (dtv) 1997
Euro 13
ISBN 3-423-04714-3

 

  • Christine de Pizan
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  • María-Milagros Rivera Garretas:Orte und Worte von Frauen
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