Armutsgefährdete zeigen Selbstbewusstsein

9. Jänner 2008, 19:34
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Demonstration in Graz: Mehr Mitbestimmung bei Problemlösung gefordert - Kritik an Grundsicherung und löchrigen sozialen Sicherungssystemen

Graz - Armutsbetroffene haben vergangenes Wochenende erstmals im Rahmen einer Demonstration auf das verschärfte Problem der Armutsgefährdung in Österreich hingewiesen. Die Kundgebung von Erwerbsarbeitsloseninitiativen, Straßenzeitungen, AlleinerzieherInnen-Plattformen, Selbsthilfegruppen von Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen und MigrantInnenorganisationen fand im Rahmen des von der Armutskonferenz organisierten dritten österreichischen Treffens von Menschen mit Armutserfahrungen (23.-25.11., Graz) statt, zu dem gut 50 TeilnehmerInnen aus ganz Österreich gekommen waren. Ziel der Veranstaltung war es, aktuelle Entwicklungen zu analysieren und Strategien zur Umsetzung effektiverer Armutbekämpfungsmaßnahmen aus Sicht der Betroffenen zu entwickeln.

Kritik an geplanter Grundsicherung

Der geplanten Grundsicherung stehen sie mit großer Skepsis gegenüber. "Wir erwarten keine Verbesserungen, vor allem wenn Miet- und andere -beihilfen gestrichen werden, könnte es für viele sogar zu Verschlechterungen kommen", waren sich die Betroffenen einig. Auch die aktuell diskutierte AlVG Novelle ließe beträchtliche zusätzliche Einschränkungen erwarten.

Armutsstatistik erfasst Realitäten unzureichend

Steigende Lebenshaltungskosten, vor allem die Teuerungen von Grundnahrungsmitteln und Heizkosten schlagen sich stark auf die schmalen Budgets von Menschen, die in Armut leben nieder. Armutsstatistiken, die vornehmlich Einkommenslagen erheben, erfassen die Realitäten von Betroffenen nur unzureichend, kritisierten die OrganisatorInnen in einer Aussendung.

"Löchrige" soziale Sicherungssysteme

Sozialpolitische Sicherungssysteme seien nur unzureichend auf die Wechselfälle des Lebens ausgerichtet, wie zum Beispiel nach Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidung oder Krankheit. Neben einem existenzsichernden Mindesteinkommen, besserem Zugang zu qualitätvollen sozialen Dienstleistungen und Gütern und einer Arbeitsmarktpolitik, die adäquate Löhne und berufliche Perspektiven sichert, forderten Betroffene mehr Mitbestimmung und Mitsprachemöglichkeiten.

Mehr Respekt für Situation der Betroffenen

"Sogar von Seiten der EU-Kommission wurde bereits erkannt, dass geeignete Maßnahmen zur Armutsbekämpfung nur unter Partizipation Betroffener entwickelt werden können", erklärte eine Teilnehmerin. "Wir fordern mehr Respekt für unsere Situation und unsere Expertise, mehr Ressourcen zur Selbstorganisation und verstärkte Möglichkeiten der Mitbestimmung." (red)

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Weitere Informationen auf www.armutskonferenz.at

Hinweis

Die statistische Armutsgrenze liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens und beträgt derzeit 1.900 Euro für eine vierköpfige Familie (900 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt).

  • TeilnehmerInnen der Grazer Kundgebung forderten "Mut" statt "Armut".
    lucy lynn
    TeilnehmerInnen der Grazer Kundgebung forderten "Mut" statt "Armut".
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