Widerständig in Wien

9. Jänner 2008, 19:33
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Neue Biografie: Irma Trksak war als tschechische Minderheit nicht gern gesehen – Ihr Leben widmete die "Ravensbrückerin" trotzdem dem Kampf gegen Faschismus

Die heute 90-jährige Irma Trksak ist Zeitzeugin einer besonderen Epoche europäischer Geschichte: Sie wuchs im Wien der Zwischenkriegsjahre als Mitglied der tschechischen Minderheit auf, erlebte Faschismus und Nationalsozialismus, beteiligte sich am Widerstand, überlebte mehrere Jahre Haft im KZ Ravensbrück und führte anschließend ein Leben als berufstätige und alleinstehende Mutter in der zweiten Republik Österreich.

Vergangenen Samstag wurde Irma Trksak vom Bildungs- und Heimatwerk Niederösterreich und der Gesellschaft für politische Aufklärung zu einem Zeitzeuginnen-Gespräch geladen. Den unermüdlichen Einsatz bringt die Zeitzeugin und langjährige Sekretärin der Lagergemeinschaft Ravensbrück (siehe Wissen) bis heute auf, um vor allem "den Jungen" die Folgen des Faschismus vor Augen zu führen. Und das tut Irma Trksak am eindringlichsten, wenn sie aus ihrem Leben erzählt.

Widerständig in Wien

Als Hitler in Österreich an die Macht kommt, ist Irma Trksak knapp 20 Jahre alt. Die junge Frau wurde politisiert durch den sozialdemokratischen Vater und die von ihr besuchte tschechische Schule. Seit ihrem fünften Lebensjahr turnt sie im tschechischen Arbeiterturnverein, eine Organisation, die später ein Ankerpunkt zahlreicher linksgerichteter WiderstandskämpferInnen werden soll. Im Jargon der Nazis macht sich Trksak in diesen Jahren der "Vorbereitung zum Hochverrat" und der "Zersetzung der Wehrkraft" schuldig. Konkret heißt dies, dass sie Flugzettel verteilt, in der sie die Bevölkerung über die wahren Hintergründe der schwindenden Arbeitslosigkeit aufklärt.

Im Alltag wehrt sie sich gegen die Ausgrenzung der JüdInnen, indem sie demonstrativ in ihren Geschäften einkaufen geht. Im Krieg schickt die Gruppe dann Kettenbriefe an unbekannte Soldaten an der Front, in denen sie die Männer auffordert, nicht für einen Krieg zu kämpfen, der nicht der ihre ist. Auch mehrere Brandanschläge auf Waffendepots und kleinere Sabotageakte im Bahnverkehr liegen in Verantwortung der Gruppe Im September 1941 wird die junge Frau und ausgebildete Lehrerin verhaftet. Sie verbringt ein Jahr in Einzelhaft in einem Gefängnis in der Rossauer Lände, anschließend kommt sie mit 15 anderen Tschechinnen ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück.

Überleben im Lager

Die Zeit im KZ dauert für Trksak über drei Jahre, kurze Zeit verbringt sie auch im Vernichtungslager Uckermark, wo sie die täglichen Selektionen von Frauen nur mit großem Glück überlebt. Während ihrer Zeit im Lager muss sie hauptsächlich für den Kriegsfabrikanten Siemens arbeiten, bis sie sich schließlich aus Gewissensgründen um eine Versetzung bemüht: "Ich konnte nicht mehr für den Krieg arbeiten". Und dann fügt sie hinzu: "Obwohl, alles war ja für den Krieg".

Auf einem der berüchtigten Todesmärsche in Richtung Front gelingt Trksak schließlich die Flucht. Einen Monat braucht sie von Norddeutschland über die Tschechoslowakei nach Wien.

"Ich weiß, was ich wert bin"

Nach dem Krieg arbeitet Trksak als Journalistin und Sekretärin in der freien Wirtschaft – 16 Jahre davon auch bei Siemens Österreich. "Wir haben von Siemens Deutschland später jeweils 70.000 Schilling Entschädigung bekommen", betont Trksak. Für den Österreich-Ableger des Konzerns zu arbeiten war für sie kein Problem: "Ich konnte ja nicht diese Leute dafür verantwortlich machen, was in Deutschland passiert ist".

In mehreren Organisationen hat sich Trksak unermüdlich für politisches Bewusstsein um die faschistischen Greueltaten bemüht - viel wurde in diesen Jahren über ihr Leben geschrieben, doch eine Biografie war nicht dabei. Nun ist dieses Jahr erstmals ein umfassendes Werk über ihr Leben aus der Feder von Cécile Cordon erschienen. Es hat den Anspruch, das Leben von Irma Trksak als Teil der tschechischen und slowakischen Minderheit in Wien zu porträtieren. Es wurde nicht "das hundertste Buch über das Leben im Konzentrationslager", wie in der Einleitung betont wird, sondern die Geschichte einer Frau, die sich trotz der diskriminierenden Erfahrungen einer Minderheit politisch und selbstbewusst einem totalitären Regime entgegenstellte.

"Wir waren die Tschuschen von damals", sagt Irma Trksak über diese Zeit. Die Tschechen und Slowaken waren aber auch besonders zahlreich im österreichischen Widerstand aktiv. Die Biografie "Ich weiß, was ich wert bin" erläutert kurzweilig und niederschwellig, unter welchen Voraussetzungen diese Politisierung stattfand und lässt darüber hinaus Fragen von aktivem und alltäglichem Widerstand in der Gegenwart um einiges möglicher erscheinen. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 18.11.2007)

WISSEN: Lagergemeinschaft Ravensbrück

Im KZ Ravensbrück – ca. 80 Kilometer nördlich von Berlin – wurden rund 130.000 Frauen aus ganz Europa von den Nationalsozialisten eingesperrt. Die Hauptsträflingsgruppe setzte sich aus Polinnen zusammen, bis 1940 waren in Ravensbrück hauptsächlich deutsche und österreichische Frauen inhaftiert. Befreit wurde das KZ Ravensbrück am 30. April 1945 durch Einheiten der roten Armee.

1947 haben sich ehemalige Insassinnen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück in Österreich zu einer "Lagergemeinschaft" zusammengetan. Ziel war und ist es gemeinsam gegen jegliche Formen von Faschismus, Nazismus, Antisemitismus und Rassismus aufzutreten sowie am Aufbau eines demokratischen Gesellschaftssystems mitzuwirken.

Die Aufklärung der österreichischen Bevölkerung und insbesondere der Jugendlichen über die Gräuel der nationalsozialistischen Herrschaft, aber auch über die Rolle der Frauen im Kampf um ein freies Österreich, waren wesentliche Motive für den Zusammenschluss der Ravensbrückerinnen. Zudem war die Lagergemeinschaft als Anlaufstelle für die spezifischen Anliegen der zurückgekehrten Frauen und der Hinterbliebenen von im KZ Ravensbrück Umgekommener und Ermordeter gedacht.

Frauenpolitisches Motiv war und ist es, die Leistungen der ehemaligen Widerstandskämpferinnen in Öffentlichkeit und Geschichtsschreibung anerkannt zu machen. (Auszug aus der „Geschichte der Lagergemeinschaft“) Irma Trksak war nach ihrer Pensionierung langjährige Sekretärin der österreichischen Lagergemeinschaft sowie Geschäftsführerin des KZ-Verbandes. Sie ist bis heute aktiv im Büro der Lagergemeinschaft tätig. Seit mehreren Jahren wird der Verein von "Freundinnen" weitergeführt, jüngeren Frauen, die die Aufgaben der Lagergemeinschaft im Sinne der Gründerinnen weiterführen.

Links

www.ravensbrueck.at

www.mandelbaum.at

 

  • Cécile Cordon: "Ich weiß, was ich wert bin"Mandelbaum Verlag, WienISBN-10: 3854762348
    freudenschuss
    Cécile Cordon: "Ich weiß, was ich wert bin"
    Mandelbaum Verlag,
    Wien
    ISBN-10: 3854762348
  • Irma Trksak, als 90-Jährige immer noch als Zeitzeugin aktiv.
    freudenschuss
    Irma Trksak, als 90-Jährige immer noch als Zeitzeugin aktiv.
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