Wenn ich Schüssel wär'

13. Jänner 2004, 13:28
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... dann hätt' ich mich zunächst doch ziemlich gefreut über die 42 Prozent am 24. November 2002 - ein Kommentar von Caspar Einem

Wenn ich Schüssel wär', dann hätt' ich mich zunächst doch ziemlich gefreut über die 42 Prozent am 24. November 2002 und darüber, dass ich mit jeder der anderen drei Parteien eine Koalition bilden könnte. Aber lange hätte die Freude nicht gewährt.

Denn mein bisheriger Partner wär mir doch weitgehend abhanden gekommen - von 27 Prozent auf 10 Prozent, das ist schon mehr als bloß ein Betriebsunfall. Und dann ist natürlich auch noch zu bedenken, wer da jetzt für die F noch da ist. In der Regierung sind es ja noch alle, unabhängig davon, wer wann zurück getreten ist. Aber im Nationalrat! Womit ist bei dieser F zu rechnen? Und Haider? Haider kann doch gar nicht so weg sein, wie es derzeit den Anschein hat. Der muss doch geradezu auf Revanche sinnen. Immerhin hab ich ihm sein Lebenswerk ganz schön beschädigt! Bloß wie und wann schlägt er zurück?

Und dann sind da die Grünen. Die wollten zunächst nicht. Jetzt scheinen sie doch zu wollen - aber was sie wollen ist nicht klar. Und wie stabil sie wären, wenn die mein Partner würden, weiß auch kein Mensch.

Bleiben also noch die Sozialdemokraten. Mit denen aber wars schon vor 2000 so mühsam. Dreizehn Jahre deren Weg gehen müssen und ihn lediglich bremsen können. Das war bereits unerträglich. Aber jetzt? Jetzt, wo ich endlich wenigstens drei Jahre die Chance gehabt habe, das Programm umzusetzen, das ich mir vorgestellt habe - die Freiheitlichen waren kein wirkliches Hindernis - jetzt soll ich mich einbremsen lassen oder gar in eine andere Richtung gehen, nur um einer Koalition willen?! Jetzt haben wir doch schon die letzten drei Jahre immer von der "sozialistischen Bundesregierung" der Jahre davor gesprochen, von der "sozialistischen Schuldenpolitik", das hätten die Sozialisten doch anerkennen können: das waren ihre Jahre, aber jetzt sind meine! Bloß: Wie komm ich bei soviel Nicht-Verstehen-Wollen bei den Roten zu einer Mehrheit? Eine Mehrheit, die tut, was ich will! Jetzt gehts nur noch um eine wirklich gute Idee! Rotweißrote Vorschläge sind erwünscht. Qualität geht jedenfalls vor Geschwindigkeit! Oder soll ich einfach im Amt bleiben - mit der Fortführung der Geschäfte betraut bis zur nächsten Wahl?

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.

Caspar Einem, ehemaliger Wissenschafts-, Verkehrs- und Innenminister ist derzeit Europasprecher der SPÖ und Vorsitzender des Bundes sozialdemokratischer AkademikerInnen.

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