Flugrattenpflege

3. Februar 2003, 13:50
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Die Kunst des Lokalpolitikers ist es, im Debakel jenen Punkt zu finden, von dem aus ein kleines Glimmen jenes Lichtes ...

... zu sehen ist, das angeblich irgendwo am Ende des Tunnels leuchten soll. Auch wenn man sehr genau weiß, dass man ebenjenes Ende, an dem dann Licht, Wärme und Zufriedenheit auf einen warten, wohl nie erreichen wird. Schließlich, und das gibt B. gerne zu, gibt es eben Lebenslagen, in denen man als Politiker am liebsten schreiend davonlaufen würde. Oder aber die Augen zu macht, und wartet, bis das Gewitter vorbei ist.

Parkplätze, Hunde und Tauben, zählt B. auf, sind die Ingredienzien aus denen jene Lose-Lose-Suppe gekocht wird, die kein Politiker je auslöffeln möchte - und die einfach wegzukippen der Wunsch wieder gewählt zu werden verhindert. Und weil B. Bezirksvorsteher ist, weint er dann immer nur ganz leise - und flüstert fast, wenn er sagt, was er wirklich über Hunde (respektive viele Halter) und deren Hinterlassenschaften denkt. Darum ist B. auch so froh, dass er in seinem Ringen mit einer alten Frau einen entscheidenden Sieg errungen hat. Wobei „entscheidend“ relativ ist. Aber, sagt B., in der Politik lernt man eben auch die Tugenden Bescheidenheit und Demut zu schätzen.

Das Taubenhotel

Die alte Frau ist nämlich uneinsichtig. Und zwar gänzlich. Schon seit Jahren. Sie füttert Tauben. Und mit Taubenfüttern allein - die Flugratten bekommen, selbstredend, nicht einfach Brotreste, sondern Vogelfutter aus der Tierhandlung - ist es bei ihr auch nicht getan. Die alte Frau betreibt in ihrer Wohnung so etwas wie eine Taubenpension. Nicht am Dachboden oder auf dem Balkon, sondern in den Wohn- und Lebensräumen. Die Nachbarn, weiß B., finden das schon lange nicht mehr lustig. Wenn sie es denn je amüsant gefunden haben sollten. Aber von Amts wegen, bedauert der Bezirksvorsteher, sei da nichts zu machen. Weniger aus hygienischen, als aus sozialen Gründen.

Am liebsten wäre es B. und den Nachbarn ja, die Kinder und Verwandten der alten Frau würden die Taubenfreundin in ein Heim stecken. Auch wenn das grausam klingt. Nur kümmert sich halt schon lange kein Verwandter mehr um die alte Frau. Sonst würde sie wohl kaum Zuflucht bei Tauben suchen. Und denen dabei auch noch mehr als bloß ein Hotel bieten. Verletzte oder kranke Tiere werden von der Alten regelmäßig zum Tierarzt gebracht. Die Frau, bedauert B. das nächste Klischee bestätigen zu müssen, sei tatsächlich Mindestrentnerin. Und lebe in einfachsten Verhältnissen. Ihr materiell zu helfen sei aber sinnlos: Geld wird in Tierarztrechungen oder Vogelfutter umgesetzt.

Vergangene Woche strahlte B. aber. So, als hätte er alle Probleme der Welt auf einmal gelöst. Die alte Frau, erzählte er, habe Einsicht gezeigt. Sei geradezu über ihren Schatten gesprungen. Sie werde nämlich, erzählte B., nicht mehr mitten im Bezirk ihre tägliche Taubenfütterung zelebrieren, sondern die Vögel langsam an den Rand des Bezirkes umlenken. Dass wir in seinen Jubel nicht aus vollem Halse einstimmen wollten, verstand B. nicht: Wir hätten wohl verlernt, uns über die kleinen Erfolge zu freuen - und täten deshalb gut daran, nicht in die Politik zu gehen.

Nachlese

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby
--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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