Strenge Grazer Schule

15. August 2003, 21:03
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Alles stimmt ja wirklich auch nicht, was man über das Grazer 2003-Programm räsonieren hört. Dass es zum Beispiel so ganz ohne Grazbezug ist. Denken Sie etwa an Leopold Sacher-Masoch! Wenn dieser Name fällt, wird sogar der schwärzeste aller sonntägigen Grazer Wähler ein bisschen kribbelig - und wohl auch die züchtigste Emanze. Mmmmmm. So ein feister Sklave wäre doch wirklich was Feines - wenn auch nur zum Staubsaugen.

Die Venus im Pelz, das ist schon ein Superroman. Na - und wo hat er ihn geschrieben, der lüsterne Leopold? Natürlich in Graz - ganze 134 Jahre vor der Kulturhauptstadterhebung der weißgrünen Metropole.

Freilich könnte man nun einwenden, dass Leopold von Sacher-Masoch kein gebürtiger Grazer war, sondern aus Lemberg stammt. Ah, fremdenfeindlich auch noch? Immerhin kam er schon mit 19 an die Mur. Was natürlich auch nicht alles sagt. Schon mehr Aussagekraft hat da der Umstand, dass das, was natürlich nicht nur biedere Grazer Schwarzwähler und Emanzen kribbelig macht, nach ihm benannt wurde: Der Begriff "Masochismus" wurde Richard von Krafft-Ebbing erstmals in seiner Psychopathia sexualis, die übrigens auch - 117 Jahre vor der Kulturhauptstadterhebung - in Graz entstand, verwendet.

Gute alte Grazer Schule eben. Wohl wert, dass sie in einem exklusiven Kunstprogramm gebührend gewürdigt wird. Und wie es sich gehört: Im Mai, der ja nach guter alter Tradition als Wonnemonat gilt - auch für muntere Flagellanten.

Ohne den für diesen pikanten Programmpunkt verantwortlichen und zuständigen Maso-Freaks die Freude nehmen zu wollen, darf ich in aller Bescheidenheit nur anmerken, dass Graz schon lange vor 2003 diesbezüglich einen ausgezeichneten Ruf und große Anziehungskraft besaß.

In den Sechzigerjahren schlenderte ich eines trüben Tages mit Franz Theodor Csokor durch den Stadtpark der nunmehrigen Kulturhauptstadt. Vor einem der noblen Gründerzeithäuser bleib der hochbetagte Dichter stehen und legte eine unübliche Beichte ab:

In den Zwanzigerjahren sei er recht häufig nach Graz gereist, um in dem Haus, vor dem wir standen, gemeinsam mit vielen Leuchten der damaligen Kulturprominenz an höchst animierenden Parties teilzunehmen, in deren Verlauf natürlich auch tätig seines Kollegen Leopold von Sacher-Masoch gedacht wurde. Die Aktivitäten dieses elitären Zirkels wurden allerdings ruchbar, und eines Tages fanden sich alle, wie Csokor mit Kichern berichtete, als in voller action befindliche Karikaturen in der Grazer Tagespost wieder.

Allfällige diesbezügliche Epigonen von heute haben derlei natürlich nicht zu fürchten, da es diese Zeitung bedauerlicher Weise gar nicht mehr gibt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 25./26.1.2003)

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