Der Überlebenskampf der Hyänen

27. März 2005, 00:09
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Die Filme von Djibril Diop Mambéty im Filmmuseum

Das Österreichische Filmmuseum würdigt mit einer kleinen Retrospektive das schmale, aber ungestüme und höchst eigenwillige Werk des 1998 verstorbenen senegalesischen Filmemachers Djibril Diop Mambéty.


Wien - An tradierte Lebensformen anzuknüpfen scheint ebenso unmöglich wie einen Fluchtweg einzuschlagen, der in ein Dasein in Wohlstand führt: Mory, ein Jugendlicher aus Dakar, fährt ein Motorrad, auf dem - wie als Reminiszenz an den Beruf, den er sich weigert, weiter auszuüben - zwei Hörner montiert sind. Davon, sich mit seiner Freundin nach Paris abzusetzen, träumt er, um irgendwann als Mann von Welt zurückzukehren.

Es fällt jedoch schwer, Touki Bouki, den schillernden Erstling des senegalesischen Filmemachers Djibril Diop Mambéty aus dem Jahr 1973, (nur) auf diese eine Handlung einzuschränken. Denn Bilder und Töne bewahren darin ihre Eigenständigkeit. Mambéty zeigt in diskontinuierlicher Montage, die ihre eigenen Lehren aus der Nouvelle Vague gezogen hat, größere soziopolitische Zusammenhänge auf. Er produziert Bilder, die mühelos vom Naturalismus zur Allegorie wechseln.

Müllhalden, an denen Kühe weiden, die Blechhütten der Ärmsten, die an moderne Hochhäuser grenzen; auf eine Schlachtung mit wildem Gelächter folgt eine Liebesszene, die sich erst an ihrem Höhepunkt als solche zu erkennen gibt: Der Film strotzt vor solchen abrupten Übergängen, Rhythmuswechseln, Widersprüchlichkeiten, die ihn nie zur Ruhe kommen lassen.

Die hybride Form ist der Versuch, das Nebeneinander von Erster und Dritter Welt, das Ineinandergreifen von Tradition und Moderne in Afrika zu begreifen - doch Mambéty betreibt weniger ausdrückliche Sozialkritik, als dass er einen polyphonen Stadtfilm entwirft. Er karikiert die Reichen genauso wie den Wunsch, reich zu werden, und sympathisiert zugleich mit den beiden Ausreißern, deren Revolte nur eine Notmaßnahme ist.

Es verwundert nicht, dass Touki Bouki in seinem Entstehungsjahr Aufsehen erregte, so fern lag der Film von der Vorstellung eines "armen" Kinos Afrikas. Doch mitnichten wurde er zum Beginn einer Karriere: Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1998 sollte Mambéty nur insgesamt sieben Filme drehen, wobei zwanzig Jahre vergingen, bis er seinen zweiten Langfilm, Hyènes, vollendete.

Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame überträgt er darin auf ein afrikanisches Dorf und erweitert das Stück derart zur Parabel über die ökonomische Disintegration des schwarzen Kontinents. Zwar weitaus weniger ungestüm und dialoglastiger als Touki Bouki, überzeugt Hyènes als eine Art Antithese zu diesem: Hier kehrt die Gefallene als Dame, die "reich wie die Weltbank" ist, in die Heimat zurück und treibt die Dorfbewohner mit der Aussicht auf Kredit zum Mord.

Geschichten über "einfache Leute", die ums tägliche Überleben kämpfen, wollte Mambéty zuletzt mit einer Kurzfilmtrilogie erzählen, zwei davon wurden realisiert: Le Franc knüpft ästhetisch an Touki Bouki an, wenn er um einen Musiker, der auf Lotteriegewinn hofft, einen kaleidoskopischen Streifzug unternimmt; eine Radiostimme, die Musik und Alltagsgeräusche immer wieder überlagern, kündet von der Abwertung des afrikanischen Franc - und das Glücksspiel wird zur existenziellen Metapher für einen ganzen Kontinent.
(DER STANDARD; Printausgabe, 25.1.2003)

Von Dominik Kamalzadeh

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