Europa an Amerika: Ehret das Alter!

16. September 2003, 17:45
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Eine Marginalie zum Transatlantiktief

Eins muss man dem Irakkrieg lassen: Angesichts dessen, dass er noch gar nicht begonnen hat, sind die von ihm angerichteten Schäden jetzt schon beachtlich. Die Frage, wie die Angelegenheit mit Saddam zu regeln sei, erweist sich immer mehr als Katalysator eines transatlantischen Zerrüttungsprozesses, den weit blickende Beobachter schon unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs prognostiziert hatten und der offenbar nur durch die para_europäische Erscheinung eines Bill Clinton, der jederzeit als ein dem Boden der Alten Welt entsprossener Sozialdemokrat hätte durchgehen können, notdürftig überdeckt wurde.

Jetzt sind in Washington freilich andere Leute am Ruder, "Cowboys", wie sie der Volksmund nennt, Leute wie George W. Bush oder eben Donald Rumsfeld, der, von einer deutsch-französischen Gemeinschaftsinitiative gegen den Irakkrieg in Harnisch gebracht, das "alte Europa" als veritables Problem identifiziert hat.

Ist ihm das herausgerutscht? Oder wurde hier gar eine Regierungsposition artikuliert, die die Despektierlichkeit der Amerikaner gegenüber den Europäern jetzt endlich einmal glasklar zum Ausdruck bringt?

Böses Wort

Für die Rutsch-Hypothese spricht, dass Rumsfeld nicht zum ersten Mal ausfällig wird. Die Kongressabgeordneten auf Capitol Hill giften sich immer noch über den Spitznamen "Hillbillies", mit dem er sie im Vorjahr traktiert haben soll (Rumsfeld hat dementiert), während es die an ihren Verletzungen leidenden Viet_nam-Veteranen nicht geschätzt haben, dass der Verteidigungsminister unlängst befand, der Beitrag der Wehrpflichtigen sei für die US-Armee "von keinem Wert" gewesen (Rumsfeld hat sich entschuldigt).

Aber wie immer dem nun gewesen sein mag, ob das böse Wort vom "alten Europa" mit kaltem Vorbedacht oder in der Hitze der Emotion ausgesprochen wurde, gesessen hat es. Selbst die FAZ, wahrlich nicht des Antiamerikanismus verdächtig, hat am Freitag eine ganze Batterie von Intellektuellen aus aller Herren Länder in Stellung gebracht, die zur Ehrenrettung des "Alten" bzw. "Alters" im Allgemeinen und des "alten Europa" im Besonderen Rumsfeld den Kopf waschen.

Unter dem eisigen Titel "Das alte Europa antwortet Herrn Rumsfeld" meint Jürgen Habermas, in der Kritik seiner europäischen Freunde begegneten ihm, Rumsfeld, "die preisgegebenen eigenen, die amerikanischen Ideale des 18. Jh.", und angesichts der völkerrechtlichen Innovationen, die Europa hervorgebracht habe, sei es in Wahrheit die Neue Welt, die "ziemlich alt aussehe". Auch Robert Menasse stellt seinen Beitrag unter den Titel "Amerika ist alt" und die übliche Klassifikation von der "Alten" und "Neuen" Welt auf den Kopf.

Regisseur Luc Bondy meint, wenn das alte Europa "die Raison besitzt, den Krieg nicht mehr zu wollen, dann bin ich für dieses alte Europa, das das neue Europa ist." Ähnlich sieht es der französische Medientheoretiker Paul Virilio: "Alter Kontinent? Da muss ich lachen. Es ist die Bush-Regierung, die einen altertümlichen Krieg führen will."

Empfindlicher Nerv

Die Empörung, die Rumsfeld entgegenschlägt, zeigt, dass er einen empfindlichen Nerv getroffen hat, den _europäischen Ischiasnerv, wenn man so will. "Asia is too crowded, and Europe is to old", heißt es schon in einem alten (!) Randy Newman-Song, bei dem sich Newman aus der Perspektive eines Gemütsmenschen die Vorteile ausmalt, die es bringen würde, wenn die USA den Rest der Welt platt machte ("Lets drop the big one now!").

Die Verwurzelung des Topos vom senilen Europa in der US-Populär- und Alltagskultur könnte ein Indiz dafür sein, dass Rumsfeld seine Kränkung durchaus bedachtsam kalkuliert hat. Eine ironische Pointe dieser Kränkung ist freilich, dass sie, wenigstens in einer Hinsicht, auf der Wahrheit beruht: Denn wo die Amerikaner - auch nach dem 11. 9. 2001 noch - durch eine großzügige Einwanderungspolitik für eine stete Verjüngung ihrer Bürger sorgen, läuft Europa durch seine Unentschlossenheit in dieser Frage Gefahr, zu einem wahrlich alten Kontinent zu werden, auf dem ein immer schütterer werdendes Grüpplein Junger eine Heerschar dementer Greise durchfüttern muss.

Alt, neu, jung?

Das grundlegende Problem ist, dass der von Rumsfeld zwischen "alt" und "neu" bzw. "jung" aufgemachte Gegensatz kaum einen produktiven Ansatz bietet, die Klärung der europäisch-amerikanischen Differenzen in der Frage eines Irakkriegs voranzutreiben. Daher wäre es auch für alle Europäer guten Willens angezeigt, sich nicht an Rumsfelds Wortwahl festzubeißen und die Sackgasse gehässiger transatlantischer Systemvergleiche raschest zu verlassen: Angesichts der global anstehenden Probleme laufen sonst Europäer und Amerikaner gemeinsam Gefahr, ziemlich alt auszusehen.

Was aber sollte dann in diesen Tagen zur Leitlinie neuer Verständigungsbestrebungen ausgerufen werden? Nicht schlecht erscheint der Vorschlag, den Jacques Attali, Exberater von Mitterrand, ebenfalls in der FAZ, zum Besten gibt. Er lässt "alt" und "neu" geflissentlich außer Acht und meint: "Jetzt sollten sich beide Seiten erst einmal beruhigen. (...) Wenn einige Amerikaner ihren Kopf verlieren, müssen wir Europäer doppelt cool bleiben."

(DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2003)

Von Christoph Winder
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    Mit seinem Sager vom "alten" und "neuen Europa" verursachte US-Verteidigungsminister Rumsfeld eine Polemik zwischem "alter" und "neuer Welt".

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