Amokszenen aus Niederbayern

8. August 2003, 21:41
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Statt österreichischer Innenpolitik: Ilse Aichingers 57. Unglaubwürdige Reise

Eigentlich müsste man sich jetzt zur österreichischen Innenpolitik äußern. Aber es ist mir zu langweilig und so voraussehbar unberechenbar. Dann lieber gleich nach Bayern. Wer sich nach Bayern wagt, erlebt ganz andere Wunder als die Wiener Wunder. Und wer in Wien ohne das Imperialkino zwischen 17 und 23 Uhr nicht auskommt, gerät viel rascher nach Bayern, als er wollte, denn dort läuft eine Fassbinder-Retrospektive. Und es ist hier nicht Niederbayern, das dem dominierenden Oberbayern extrem entgegengesetzt ist.

Lange ehe ich auf Reisen ging, schon in der Jugend, begann das Wort "nieder" zu locken, und ich las über den Aufstand der Niederlande, der mir seither oft geholfen hat, weil ich ihn damals nicht begriff. Die Niederlande breiteten sich in der alten Wohnung aus, auf den dünnen Teppichen, unter den Schränken, zwischen den oft halb offenen Türen. Ihr Aufstand weckte die Lust auf Anarchie, mitten in der Dollfuß-Zeit. Fast mehr als Rainer Werner Fassbinder, der augenblicklich Alain Delon im Imperial-Programm abgelöst hat. Beide unsympathisch, aber bedeutend:

Fassbinder, in hellen, unglaublich gebügelten Hosen, überspringt in Warum läuft Herr R. Amok? Disteln, Drahtverhaue, trägt sein Arsenal bei sich und feuert ungerührt aus jeder Stellung. Über den verblüfften Gesichtern der Toten erscheint immer wieder sein nur halb befriedigtes, gelangweiltes Gesicht. Oder seine Schuhspitzen, die seine Opfer dorthin drehen, wo er sie haben will. Dann noch Götter der Pest, der 19-Uhr-Film mit Hanna Schygulla und Margarete von Trotta: Welchen Göttern sind die Pestsäulen, nicht nur in Wien, gewidmet, wen sollten sie versöhnen, wen erreichen? Pestsäulen wurden von denen errichtet, die der Pest nicht zum Opfer gefallen waren. Wem begreiflich machen, wie viel die eigene Rettung wert ist?

Wer Fassbinder sieht, erfährt nicht, welche Form von Rettung er für möglich hielt, auch welche Form zu überleben. Die Toten liegen blick- und wahllos herum, verblüfft und zur Seite gestoßen. Um 0.00 Uhr könnte man heute noch im Schikanederkino mit Portrait of a Serial Killer dem späten Abend über sich selbst hinaushelfen.

Oder eben doch - falls Xanten, Siegfrieds Heimat am Niederrhein, zu entlegen ist - eine Reise ins Niederbayerische antreten: Dorthin, nach Geisenhausen bei Landshut an der Isar, käme ich gern noch einmal. Zu der Spenglerfamilie, bei der nach dem Krieg Günter Eich einquartiert war und wo von sieben Kindern nur noch vier am Leben sind. Die andern drei - der Reihe nach vermisst: bei einem Ausflug nach Oberbayern im Starnberger See ertrunken oder auf weniger spektakuläre Weise verschwunden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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