Glanzvolle Belanglosigkeiten aus aller Welt

4. Februar 2003, 11:06
2 Postings

Das wohl designte Designerbuch "Spoon" führt prächtig vor Augen, wie Gestalter aus aller Welt das Gestalten um des Gestaltens willen betreiben. Ein paar tatsächlich sinnvolle Produkte bestätigen die Regel

Hundert Dinge, auf die die Menschheit lang gewartet hat, werden uns nun in geballter Masse präsentiert: Das geschwungene, in eine metallische Hülle gegossene Buch "Spoon" aus dem Hause Phaidon (75 €) ist ein Meisterwerk der Zusammenstellung von Belanglosigkeiten aus aller Welt, sorgfältig ausgedacht für die Schönen, Reichen, Designverliebten.

Da wäre zum Beispiel Ed Anniks Brieföffner in Metall und Vögelchenform, der sich auf Chefschreibtischen sicher formidabel macht. Da hätten wir etwa Midori Arakis eisbärförmige Tischchen - deren Sinnhaftigkeit sich auch nach längerem Studium nicht erschließt. Da prangen aus zwei Filzstücken gemachte Papierkörbe von Masayo Ave, deren Verbindungen mittels Schrauben laut Buchtext "ein sehr mächtiges Motiv des Designs" sind.

Ach ja, das Motiv: Wozu gestalten Designer all diese Dinge eigentlich? Wozu braucht der Mensch den Zahnbürstenhalter für zwei (Masayo Ave), der mittels Saugnapf an der Badezimmerfliese hält? Warum sollte man auf Sofakonstrukten Platz nehmen, deren viertes Bein aus einem Bücherstapel besteht (Jürgen Bey)? Und wozu muss die Klobürste samt Halterung in immer wieder anderer Gestalt neu erfunden werden? Über diese Ratlosigkeit hilft der Text nicht hinweg, nur so viel wird verraten: Hier waren auf allen Ebenen die Meister ihres Metiers am Werk. Zehn namhafte Designer und Designpublizisten aus aller Welt wählten je zehn der auffälligsten, "besten" Designer der vergangenen fünf Jahre aus, um sie hier samt ihren Werken zu präsentieren. Mit dabei in der Designerjury waren etwa Ron Arad, Designer und Designprofessor in London, Giulio Cappellini, Architekt und Designer in Arosio, Laura Houseley vom britischen Design-Kult-Wallpaper und der Kulturpolitikprofessor Ryu Niimi aus Tokyo.

Zwischen den Spielereien der Formgeber finden sich selbstverständlich auch durchwegs vernünftige Dinge, doch die bleiben in der Minderzahl. Man findet sie vor allem dort, wo die Industrie ihr wohltuend normendes Händchen mit im Spiel hat. Wenn Shi Nishiboris portabler CD-Player nicht alle Stücke spielte, würde er von Panasonic wohl kaum produziert; Wenn David Robbs R1200C-Motorrad nicht die rechte Windschlüpfrigkeit gepaart mit eleganter Form hätte, würde es nicht aus dem BMW-Stall rollen. Neben Stücken wie diesen verblassen die restlichen Designereien zu Makulatur. (Ute Woltron, DER STANDARD/rondo/24/01/03)

  • Artikelbild
    buchcover
  • Artikelbild
    foto: spoon/phaidon
Share if you care.