Rebekah Wade: "Sun" -Chefin

3. Dezember 2003, 17:05
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Rebekah Wade steuert das Flaggschiff des britischen Boulevards

Die Deutschen sind die "Hunnen", die Franzosen sind "Frogs", und dass Saddam Hussein eins aufs Haupt bekommt, ist patriotische Pflicht. Die Welt ist schön übersichtlich in der britischen Sun, grob gestrickt und infantil. Während andere Blätter die dritte Seite als Schaufenster für Reportagen pflegen, räkeln sich bei der Sun dort halb nackte Mädchen. "Rebekah aus Wapping" etwa.

Rebekah heißt auch die neue Chefredakteurin, Rebekah Wade, um genau zu sein. Allein ihr flammend rotes Haar hebt sie aus der Masse hervor. Sie hat an der Sorbonne studiert und spricht fließend Französisch, sie war Kickboxerin und heiratete den Seifenopernschauspieler Ross Kemp. Eine schöne Biografie für den Boulevard.

Die 34-Jährige sitzt als erste Frau im Chefsessel der Sun, und das allein wäre ein Paukenschlag für die Männerwelt in der britischen Presse, eine Welt der harten Bandagen. Wohl nirgends sind die bunten Gazetten so aggressiv wie im Inselreich: So etwas wie Privatsphäre kennen sie nicht. Jedes königliche Niesen, jede kriselnde Kickerehe, jeder Kater eines alternden Rockstars landet sofort auf der Titelseite.

Manchmal, das muss man den ExpertInnen fürs Seichte lassen, recherchieren sie aber auch beharrlicher als die seriöse Konkurrenz. Dass Prinz Harry Haschisch rauchte, dass Boris Becker in der Wäschekammer ein Kind zeugte und Sophie von Wessex vor einem falschen Scheich Königin und Kabinett durch den Kakao zog - ohne die SkandalreporterInnen wüssten wir es nicht. Dies waren Rebekah Wades große Erfolge. Damit hat sie sich, als Chefin der News of the World, einen Namen gemacht. Die Zeitung ist eine Art Sonntagsausgabe der Sun. Wie der Wochentagzwilling gehört sie dem australischen Medienbaron Rupert Murdoch, und kein anderer als Murdoch hat Wade auf den neuen Posten bugsiert.

Die ehrgeizige Journalistin soll für Gesprächsstoff und damit für Auflage sorgen, und sei der Preis dafür, dass es oft unter die Gürtellinie geht. Als Lynchjustiz geißelten britische Juristen die Kampagne, die Wade einst gegen Kinderschänder ritt. Vor knapp zwei Jahren druckte sie seitenweise Namen und Adressen von Pädokriminellen. Dass etliche falsch waren, dass auch bei Unschuldigen Pflastersteine im Wohnzimmer landeten, störte sie nicht: Hauptsache, England redete über die Story.

Ähnliches erwartet Murdoch nun von Wade. Gut möglich, dass die Neue auch für einen politischen Kurswechsel steht. Seit 1997 hält Murdoch zu Tony Blair. Doch jetzt, da der die Steuern erhöht, wendet sich der Tycoon ab. Man munkelt, Murdochs Auflageriesen könnten, wie früher, nun die Konservativen stützen. Wade blies jedenfalls Blair gleich im ersten Leitartikel den Marsch: "Ihr breites Lächeln, Premier, wirkt langsam dünn." (DER STANDARD, Printausgabe 18./19.01.2003)

Von Frank Herrmann
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