Beethoven und Boulez

15. August 2003, 21:04
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Wenn Sie nicht wissen, wer Ludwig van Beethoven war, gilt dies heute in fortschrittlichen Kulturkreisen zwar nicht unbedingt als Ausweis von umfassenden musikhistorischen Wissen, aber eher doch als verzeihliche Bildungslücke. Wenn Sie hingegen Pierre Boulez nicht kennen, sind Sie erledigt. Überall. In allen Kulturhauptstädten der Welt. Das war natürlich nicht immer so. Vor fünfzig Jahren verhielt sich das gerade umgekehrt. Da konnte man von Boulez noch gar nicht viel wissen. Da war er noch nicht einmal dreißig. Dafür war er, man lese und staune, in den Fünfzigerjahren schon in Graz - jedoch keineswegs als einfacher Tourist, sondern als Komponist.

Es bedarf kaum der besonderen Erwähnung, dass sich der Andrang zu diesem Auftritt des unbekannten jungen Pierre Boulez in ziemlich engen Grenzen hielt und mit jenem, der anlässlich des spektakulären japanischen Feuerwerks in Graz zu verzeichnen war, freilich nicht zu vergleichen. Vielmehr war es nur eine handverlesene Schar Unentwegter und Unerschrockener, die sich im Konzertsaal des Landeskonservatoriums versammelt hatte, um zunächst seiner Kantate Le Marteau sans maître (bald nach deren unter Hans Rosbauds Leitung erfolgten Uraufführung in Baden-Baden) zu lauschen. Nach der Pause dann setzte sich der junge "Maître" selbst ans Klavier und spielte mit furiosem Temperament seine halbstündige dritte Klaviersonate.

Man kann nicht sagen, dass dieser Abend zu einem rau-schenden Erfolg wurde. Galt damals in Graz ja ein jeder, der die Namen Igor Strawinsky oder Paul Hindemith überhaupt nur buchstabieren konnte, schon als bestaunenswerter Guru zeitgenössischer Tonkunst. Und das Wissen um die Existenz der Werke Anton Weberns dankte ich zu dieser Zeit überhaupt nur dem glücklichen Umstand, dass seine damals in der nunmehrigen Kulturhauptstadt lebende Nichte zufällig meine Ruftante war. Kein Wunder also, dass sich die Intensität des Beifalls mit jener, in der Boulez seine Sonate spielte, nicht im entferntesten messen konnte. Und als der am Grazer Konservatorium als angesehener Lehrer wirkende Papa des bekannten Regisseurs Hans Hollmann auf die Boulez-Sonate mit dem sarkastischem Ausspruch "Jetzt weiß ich erst, was dieser Beethoven für ein Trottel war" reagierte, endete diese Soiree in allgemeinem Gelächter.

Ein Ausspruch übrigens, an den sich Boulez, als er nach mehreren Jahrzehnten in Graz an der Spitze des BBC-Orchesters gastierte, noch schmunzelnd erinnern konnte.

So wäre jeder Stadt, die schon Kulturhauptstadt sein möchte, bevor man sie in Brüssel eine solche nennt, dringend zu empfehlen, sich zunächst einmal als Kulturstadt zu profilieren, indem sie Mut zum Unbekannten und Unbeliebten zeigt. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 18./19.1.2003)

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