Warum Bewerbungen im Papierkorb landen

28. April 2004, 13:43
26 Postings

Wer trotz hoher Qualifikation, signalisierter Flexibilität und realistischer Gehaltsforderung von den Karriere-Entscheidern "nicht einmal ignoriert" wird, sollte einmal Form und Inhalt seines Lebenslaufes unter die Lupe nehmen.

ResumeDoctor, ein Online Consulting Service in den USA, kommt nach einer Umfrage unter 2500 nordamerikanischen Recruitern zum Schluss, dass die Empfänger von Bewerbungen eher nach Argumenten suchen, Kandidaten auszuschließen, als nach Gründen, sie zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen. Hier sieben gängige Karrierekiller im Lebenslauf:

Allerweltstypen


"Wenn mir wer schreibt, er ist grundsätzlich bereit, überall und in jeder Aufgabe zu arbeiten, finde ich das schlicht und einfach unglaubwürdig", verrät Günther Tengel, geschäftsführender Gesellschafter von Jenewein & Partner.

Kein Wunder, gehen doch bei der mit der Amrop-Hever-Group international vernetzten Managementberatung wöchentlich 500 bis 600 Bewerbungen von Caracas bis Boston, von Barcelona bis Minsk via E-Mail ein. "Lass den Personalchef oder -berater nicht raten - er tut's nicht!", warnt Tengel und empfiehlt statt wahllosem Anklicken aller Länder, frei nach der Devise "Hallo, da bin ich!", eine klare Beziehungskette herzustellen, etwa in der Art: "Ich arbeite seit 20 Jahren in Brasilien und möchte nun aus familiären Gründen wieder zurück nach Österreich."

Die Marketingmuffel


"Der Lebenslauf ist Ihre persönliche Visitenkarte, er hinterlässt wie ein Händedruck den ersten Eindruck und ist ein Marketinginstrument in eigener Sache," betont Gabriela Novotny, Betreiberin des Onlineservice bewerbung.at mit Schwerpunkt Selbstmarketingberatung und Erstellung von Bewerbungsunterlagen. "Wenn die Reaktion der Personalabteilung auf Ihre Bewerbung Funkstille ist, kann einer der Gründe die falsche Vermarktung Ihrer Fähigkeiten sein", so Novotny.

Die Stillosen


Ein Schriftenwirrwarr deutet auf Probleme im Umgang mit dem PC hin. Wer handgeschriebene Bewerbungen verschickt, weist sich auch nicht als begnadeter Manager in eigener Sache aus. "Einen Ausscheidungsgrund bei E-Mail-Bewerbungen liefert auch das Adressatenfeld, wenn daraus hervorgeht, dass der Absender wahllos 25 Headhunter angeschrieben hat", warnt Personalberater Peter Eblinger.

Die Planlosen


Vermeiden Sie zu ungenaue Formulierungen wie "Ich bin für alles offen" oder "Schön, dass Sie das Inserat für mich getextet haben". "Ein einfaches, klares, übersichtliches Schreiben reicht vollkommen aus. Der Bewerber sollte auf den Inhalt des Inserates eingehen und seine Fähigkeiten überzeugend darstellen. Aus Fachliteratur oder Bewerbungsseminaren übernommene Selbstbeweihräucherungen sollten eher vermieden werden", rät Markus Brenner, Geschäftsführer der Catro Personalberatung.

Die Geheimniskrämer


Einige Recruiter stoßen oft erst im Gespräch durch "Zufall" auf jene wichtigen Fertigkeiten oder Qualifikationen, die Kandidaten einzigartig machen. Ein Personalberater hat jedoch keine Zeit, Vermutungen anzustellen, da täglich Hunderte CVs auf dem Tisch landen.

"Ein amerikanischer Lebenslauf eignet sich hervorragend, um Fragen wie ,Was kann ich?' und ,Warum bin ich der/die Richtige für die Firma?' gleich an erster Stelle zu beantworten", konstatiert Martin Mayer, Managing Partner der Iventa Management Consulting GmbH. "Wer Probleme hat, seine eigenen Fähigkeiten zu erkennen, sollte in einen guten Coach investieren und mit dessen Hilfe ein Bewerbungstraining absolvieren", rät Mayer.

Die Dichter


"Ein Kandidat muss fähig sein, relevante Informationen in zwei DIN-A4-Seiten zu packen. "Die Frustrationstoleranz der angeschriebenen Headhunter erschöpft sich bei sechs Seiten umfassenden Elaboraten", so Eblinger, der mit der Vorstellung aufräumt, das Leben müsse lückenlos in epischer Breite wieder gegeben werden: "CVs sollten dennoch eine tabellarische Form haben. Mehr Information über den Inhalt des unmittelbar letzten Jobs ist interessant", meint Eblinger.

Die Flexiblen


Eine Heerschar (zumeist männlicher) Bewerber scheint die in Stellenanzeigen geforderten Qualifikationen als unverbindliche Richtlinie zu betrachten. Und bewirbt sich, auch wenn einige Kriterien unerfüllt sind. "Unsere Toleranz ist in Zeiten wie diesen, wo Flexibilität am Arbeitsmarkt gefordert wird, größer. Selbst wenn Kandidaten auf den ersten Blick nicht ganz den Anforderungen entsprechen, wie Branchenumsteiger etwa, haben sie eine Chance auf ein Gespräch", betont Julie Ertl, Beraterin bei Wentner Havranek. Dennoch sollten Jobbeschreibungen ganz genau gelesen werden.

Falls Sie auf die eine oder andere persönliche Qualifikationslücke stoßen sollten, müssen Sie mit größerem Erklärungsbedarf rechnen, warum Sie der Idealkandidat sein sollten. (von Silvia Stefan, Der Standard Printausgabe 18./19. Jänner 2003)

  • Artikelbild
    foto: photodisc
Share if you care.