Ängste zwischen Ostsee und Mähren

8. August 2003, 21:41
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Die 56. Unglaubwürdige Reise führt uns auf die Spur von Frau N., die sich am 1. Mai 1889 entschloss, Freud zu Hilfe zu holen

Und gönne Lena noch einen Schluck aus der Lampe/ Und lass den Schnee durch die Türritzen kommen": Günter Eich, ein Rat für ein Hausmädchen im Oderbruch, ein Gedicht zum Selbstmord einer jungen Frau in einem Augenblick, als Sigmund Freud schon lange ganz andere Möglichkeiten der Psychotherapie entwickelt hatte:

In seinen Studien über Hysterie, gemeinsam mit Josef Breuer 1895 veröffentlicht, berichtet er von einer Patientin aus Livland - nicht aus dem Oderbruch, aber auch östlich genug - Frau Emmy von N., vierzig Jahre.

Livland und Freud, die russischen Ostseeprovinzen und Mähren wurden in diesem Fall zur geografischen Schutzformel (so Freud), zum Aufeinandertreffen zweier Welten, Ostsee und Mähren, die mir schon von den ersten Landkarten her vertraut und zugleich fern genug waren, auch für mich eine Schutzformel. Lynn, Liv, Lyck, Orts- und Mädchennamen, leicht gesagt, aber schwer zugänglich, und Mährisch-Ostrau, Freiberg, woher Freud, und Zauchtl, woher unsere Großmutter nach Wien gekommen war: Orte, nahe und doch unerreichbar genug, wie der kühle und gefasste Stil der Freudschen Krankengeschichten.

Frau von N., die sich am 1. Mai 1889 entschloss, Freud zu Hilfe zu holen, war das dreizehnte Kind einer in Ostpreußen ansässigen Familie. "Ich finde eine noch jugendlich aussehende Frau", erinnert sich Freud, "auf dem Diwan liegend, eine Lederrolle unter dem Nacken. Häufige ticartige Zuckungen im Gesichte und an den Halsmuskeln. Ferner unterbricht sie sich häufig in der Rede, um ein eigentümliches Schnalzen hervorzubringen, das ich nicht nachahmen kann."

Am 2. Mai besucht Freud sie im Sanatorium, zu dem er sie überredet hat. Sie ist seit langem leidend, verstimmt und schlaflos. Und wie begegnet sie ihm? "Seien Sie still, sagen Sie nichts, rühren Sie mich nicht an!" Und Freud: "Am Nachmittag war ein zweistündiger Genickkrampf gewesen, aber nur kurz, von zweistündiger Dauer. Am 9. Mai fand ich sie erregt, mit krauser Stimme. Sie erzählt von einem kulturhistorischen Atlas und dass sie über Bilder darin - als Tier verkleidete Indianer - heftig erschrocken sei. Ich trage ihr auf, sich vor den Indianerbildern nicht zu fürchten. Ich verweise ihr das Bedürfnis, sich zu ängstigen."

Aber im Garten ist eine ungeheure Maus plötzlich über ihre Hände gehuscht, es huschte überhaupt beständig hin und her. Als sie fünf Jahre alt war, warfen ihre Geschwister tote Tiere auf sie, dann sah sie unvermutet ihre Schwester im Sarg, mit neun Jahren ihre Tante im Sarg, in dem Moment, "als ihr plötzlich der Unterkiefer herunterfiel". Und in einem Petersburger Park sei der ganze Weg bis zum Teich mit Kröten besetzt gewesen.

Dr. Freud: "Ich verspreche ihr das Aufhören der Unglückserwartung, und ich wiederhole ihr drei Trostgründe: Sie sei gesünder und widerstandsfähiger geworden, sie werde sich gewöhnen, sich auszusprechen, sie werde eine ganze Menge an Dingen fortan zu indifferenten Träumen zählen." Der größte Trost ist aber wieder eine unglaubwürdige Reise: "Nach etwa siebenwöchiger Behandlung entließ ich sie in ihre Heimat an der Ostsee." (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2003)

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