Gegen die vorherrschenden Stimmen

30. Dezember 2003, 21:09
1 Posting

US-Schriftstellerin, Essayistin und Feministin Susan Sontag feierte 70. Geburtstag

New York - Jahr für Jahr steht ihr Name auf der Liste möglicher Nobelpreis-KandidatInnen. Susan Sontag, die am 16. Jänner 70 Jahre alt geworden ist, ist die Grande Dame der zeitgenössischen amerikanischen Literatur - und ihr enfant terrible zugleich, nicht nur, weil sie ihre feministischen Ausblicke nicht verschleierte. Für ihren letzten Roman, "In Amerika", wurde sie im Jahr 2000 mit dem höchsten Buchpreis der USA ausgezeichnet, dem National Book Award. Wenig später, nach Sontags Reaktion auf die Ereignisse des 11. September, stellte der "New Republic" die provokativen Frage "Was haben Osama bin Laden, Saddam Hussein und Susan Sontag gemeinsam?", und lieferte die Antwort mit: "Alle drei wollen Amerika zerstören."

Keine kritischen Stimmen in den USA nach 9-11

Tatsächlich hat Sontag, die seit den 60er Jahren vier Romane sowie zahlreiche Kurzgeschichten, Theaterstücke und politische Essays geschrieben hat, damals kein Blatt vor den Mund genommen. "Dies ist ein selbstgerechtes Land geworden, das besoffen von seiner eigenen Macht ist und seinen Kreuzzug gegen den Feind im Alleingang führen wird", wetterte sie. Die ultrakonservative Rechte sei zur Mitte avanciert, und kritische Stimmen gebe es (in den USA) kaum noch.

Sie selbst, die in einem Penthouse in Chelsea - ganz in der Nähe des zerstörten World Trade Center - wohnt, hatte die Terrorangriffe in einem Berliner Hotel am Fernseher mitverfolgt, wie sie später schilderte. Aufgewühlt von einer "Überdosis CNN" griff sie zur Feder und polemisierte gegen die Politik der US-Regierung und die Kriegstreiberrhetorik der Medien. Ihr Essay erschien unter anderem im renommierten "New Yorker" und handelte ihr prompt den Vorwurf des Landesverrates ein.

Romanautorin zuerst

Obwohl als unabhängige Intellektuelle von Amerikas Liberalen geschätzt, betrachtet Sontag sich selbst mehr als Romanautorin. Ihr Erstling, "The Benefactor" erschien 1963, gefolgt von "Death Kit" 1967, "The Vulcano Lover" (Der Liebhaber des Vulkans) 25 Jahre später und zuletzt ihr Epos über Polens Theaterdiva Helena Modrzejewska und das Einwanderland USA, "In America". Die letzten beiden Romane seien ihr besser gelungen als alle Essays zusammen, glaubt sie - im Gegensatz zu vielen ihrer Kritiker. Diese sehen in Essaybänden wie "Against Interpretation" (1966), "Styles of Radical Will" (1969) oder auch "Krankheit als Metapher" (1978) ihre größte Stärke.

Vita

Als Susan Rosenblatt 1933 in New York geboren, wird das mit Schönheit und Selbstbewusstsein gesegnete Mädchen anfänglich von seinen Großeltern aufgezogen, während die Eltern in China sind. Nach dem Tod des Vaters zieht die Mutter mit Susan und der jüngeren Schwester nach Kalifornien. Bald verschlingt sie Enzyklopädien, liest Edgar Allan Poe und geht mit 16 Jahren an die Universität von Chicago, wo sie Philosophie, Französisch und Literatur studiert. Schon ein Jahr später heiratet sie und wird Mutter. Ihr Sohn David ist inzwischen selbst Autor mehrerer Bücher.

Danach zieht es die Studentin an die Universitäten Oxford, Berkeley und Harvard. In Harvard schreibt sie ihre Promotionsarbeit in Philosophie bei Paul Tillich und geht dann nach Paris, um sich mit dem französischen Existenzialismus zu beschäftigen. Bald darauf lässt sie sich scheiden, geht nach New York, unterrichtet an der renommierten Columbia-Universität und schreibt das erste große Werk. Nebenbei liest sie - bis heute wenigstens ein Buch am Tag. Zu ihren eigenen Lieblingsschriftstellern gehören der in relativ jungen Jahren verunglückte Deutsche W.G. Sebald, Emile Michel Cioran und Joseph Brodsky, mit dem sie befreundet war. (APA/red)

Über Frau und die Welt

Zusammentreffen zwischen Susan Sontag und Alice Schwarzer, nachzulesen in der Onlineausgabe der Welt
Share if you care.