Vom Regen in die Traufe: Frauen in Nicaragua

1. Februar 2003, 21:31
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Hohe Frauenarbeit, niedriger Frauenlohn - und der Zustand verschlimmert sich weiter

Manchem gilt es als alter Hut, wenn aufgerechnet wird, dass Frauen weltweit zwar zwei Drittel der Arbeit leisten, aber nur ein Zehntel des Lohnes bekommen und über ein Prozent des Besitzes verfügen. Am Beispiel Nicaragua zeigt die Geschichtestudentin Ulla Ebner, dass dieser Zustand sich eher verschlechtert als verbessert.

Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land Mittelamerikas. Die Ärmsten des Landes wiederum sind zu Großteil Frauen. Entwicklungshilfe, Schuldenerlässe und Milliarden von Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) vermochten an dieser Situation nichts Wesentliches zu verändern. Und das liegt nicht nur an den Umweltkatastrophen (Wirbelsturm "Mitch" 1998, das Erdbeben 2000) die das Land schwer getroffen haben.

Kein Kredit ohne Sparpaket

Die eigentliche Ursache sieht Ebner in der Kreditpolitik des IWF selbst. Die Kreditnehmer müssen sich verpflichten so genannte Strukturanpassungspläne durchzuführen um Inflation und Staatsverschuldung zu senken. Tatsächlich war Nicaragua Anfang der 90er mit 10,8 Mrd. Dollar Schulden im Verhältnis zum niedrigen BSP eines der höchstverschuldeten Staaten der Welt. Doch die Maßnahmen, die die konservative Regierung unter Violeta Chamorro seit 1990 setzte um den Staatshaushalt unter Kontrolle zu bringen, hatten schwerwiegende soziale Folgen, vor allem für die Frauen. Dabei hatte es noch in den 80er Jahren für das kleine Land nicht so schlecht ausgesehen.

Ein Schritt vor, zwei zurück

Bis 1979 herrschte in Nicaragua der Somoza-Clan und dessen Freunde mit Unterstützung der USA. Nach dem Aufstand unter Führung der linksgerichteten Sandinisten begann deren Regime, das bis 1990 dauern sollte. Teile der Wirtschaft wurden verstaatlicht und trotz formaler Demokratie machten nun die Sandinisten der Opposition das Leben schwer. Zu den Errungenschaften dieser Zeit gehörten der Ausbau des Bildungs- und Gesundheitssystems und dessen Öffnung für alle sozialen Schichten. Analphabetismus, Kindersterblichkeit und Seuchengefahr sanken massiv.

Zweifellos wurde hier auch ein Teil der Schuldenlast begründet die die nachfolgende Regierung unter Chamorro belastete, doch ob der gewählte Ausweg der ideale war ist fraglich. Sukzessive wurden im Rahmen der Strukturanpassung die staatlichen Sozialleistungen zurückgenommen. Die Bildungs-, Gesundheits-, und Ernährungssituation verschlechterte sich wieder, durch den Wegfall der staatlichen Subventionen verteuerten sich Wasser, Strom und Telekommunikation beträchtlich. Für die Frauen wirkte sich das alles besonders verheerend aus.

Zurück an den Herd

Die Bereiche aus denen sich der Staat zurückgezogen hatte, Kranken-, Alten und Kinderbetreuung, fielen nun wieder den Frauen zu und deren Erwerbsquote sank kontinuierlich. Die Gebühren für die Schulen machten es den armen Familien unmöglich alle Kinder in die Schule zu schicken und so wurde den Söhnen der Vorzug gegeben. Die Analphabetismusrate unter Frauen ist dementsprechend hoch, was die Armutsspirale auch für die Zukunft vorzeichnet. Hinzu kommt eine steigende Trennungsrate, wobei die Frauen in den seltensten Fällen Alimente bekommen und als Alleinerzieherinnen weiter in die Armut abrutschen.

Zu wenig zu Leben, zum Sterben zu viel

Die Erwerbsmöglichkeiten für Frauen, wenn sie überhaupt arbeiten, sind eng begrenzt. Meist sind es schlecht bezahlte Jobs in der Industrie, als Dienstmädchen oder im informellen Sektor als Straßenverkäuferin. Die Prostitution als finanziell einträglichster Weg blüht. Eine Lösung für die Misere ist nicht in Sicht. Vom versprochenen Aufschwung, der nach der Krise kommen sollte ist nichts zu sehen. Die Einsicht, dass die neoliberale Strukturanpassung für Entwicklungsländer wie Nicaragua nicht geeignet ist drängt sich auf. Die Überzeugung, dass es doch noch klappt, scheint bei IWF und Co. weiterhin stärker zu sein als die Skepsis. Die "Nicas" dürften da mittlerweile anderer Meinung sein.

Die Arbeit im Volltext (Anmeldung erforderlich).

Die Autorin:

Ulla Ebner (Jg. 1973) studierte in Graz Geschichte und Angewandte Kulturwissenschaften und hat danach in Wien den interdisziplinären Lehrgang für höhere Lateinamerika- Studien des Österreichischen Lateinamerika- Institutes absolviert. In den letzten zwei Jahren arbeitete sie bei der Entwicklungshilfe- Organisation Horizont 3000 als Bildungsreferentin. Derzeit ist sie Dissertantin am Institut für Geschichte in Wien und auf Bildungskarenz in Neu Delhi.

Rezension von Thomas Müller
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