"Lagaan – Once Upon a Time in India": Der Mut aus dem Herzen

23. Juli 2004, 15:22
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Das erste spektakuläre Bollywood-Epos erreicht das heimische Kino: "Lagaan - Once Upon a Time in India"

Ein verarmtes indisches Dorf spielt gegen britische Kolonialisten eine Partie Kricket ums Überleben - "Lagaan - Once Upon a Time in India" ist das erste spektakuläre Bollywood-Epos, das heimische Kinos erreicht.


Wien - Gewitterwolken sind unbestechlich. Da können die Bewohner eines Dorfes im indischen Champaner, als sie solcher ansichtig werden, noch so ekstatisch in einer Sing- und Tanznummer den lang ersehnten Regen herbeiflehen - das Unwetter zieht unbeeindruckt über ihren Köpfen vorüber.

Eine symptomatische Szene für Lagaan - Once Upon a Time in India, den ersten Bollywood-Film, der heimische Kinos erreicht: Viel Aufwand wird hier um die Gesangseinlagen getrieben, die dynamisch inszeniert wie auch von entwaffnender Sentimentalität sind - und erzählerisch eben nur bedingt wirksam.

Die weltweit größte Kinoindustrie - bis zu 1000 Filme werden jährlich produziert - ist ein synkretistisches Unternehmen, undenkbar ist jedoch der kommerzielle Erfolg ohne diese Attraktionen. Als westlicher Betrachter mag man über solche Strategien lächeln, dabei ist dieses Kino keineswegs naiv. Dass Bollywood längst zum umfassenderen Modephänomen gewachsen ist, hat viele Gründe - die Faszination des Kinos liegt jedenfalls nicht zuletzt in seinem unironischen Willen zur Größe, zur Melodramatik.

Lagaan, inszeniert von Ashutosh Gowariker, hat alle diese Charakteristika, beansprucht aber in seiner Monumentalität - oder auch in der Verwendung von Realschauplätzen - seinen Platz im Weltkino. Der Film wählt denn auch einen zur Legende verdichteten historischen Hintergrund: Ein kleines Dorf begehrt in der Gestalt des ungestümen Helden Bhuvan (Superstar Aamir Khan) gegen die Entscheidung des britischen Besatzers auf, noch mehr "Lagaan", eine Landsteuer, bezahlen zu müssen.

Die Auseinandersetzung wird am Spielfeld als Kricket- match zwischen Kolonialisten und Dorfbewohnern ausgetragen. Analog zu diesem Duell kommt es zum romantischen Konflikt der Frauen, zwischen Gauri (Gracy Singh) und der Britin Elizabeth (Rachel Shelley), die den Indern die Regeln des Spiels beibringt. Wo auf der einen Seite die Steuerbefreiung motiviert, lockt auf der anderen Bhuvan als Preis, der ziemlich unverhohlen erotisiert wird.

Lagaan dauert beinahe vier Stunden - mit dementsprechend vielen Details stattet er dieses zunächst konventionelle Geschehen aus. Jeder der indischen Spieler, der sich in die funktionelle Truppe eingliedert, hat ein eigenes Profil - und nicht nur Hindi kämpfen um ihr Recht, auch ein Muslim und sogar ein "Unberührbarer" mit verkrüppelter Hand. Das Match, in dem die Boshaftigkeit der Briten gegen die improvisatorischen Außenseiter natürlich nichts ausrichten kann, ist dann mehr eine spannende Moritat als ein Sportstück.

Die insgesamt sechs Musiknummern von A. R. Rahman sind die exzessiven und damit schönsten Momente des Films, die den Regelzwang der Kolonialherren mit sinnlichem Reichtum humorvoll konterkarieren. In einer Einlage schlägt Gowariker sogar die Brücke zum westlichen Musical, wenn die sonst so zurückhaltende Britin im roten Seidenschleier singend durch den Palast tanzt. "Eine Brücke zwischen dem alten Mythos und moderner Fantasie" - so hat schon der Filmkritiker Maithili Rao die Essenz des Hindi-Films bezeichnet. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2003)

Von Dominik Kamalzadeh

Siehe auch die kommentierte Ansichtssache:

Großformat- Postkarte aus Bombay

Link

lagaan.com

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    Ein Bett im Kornfeld: Bhuvan (Aamir Khan) und Gauri (Gracy Sing) in dem Bollywood-Drama "Lagaan".

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