Speck und Stingl

15. August 2003, 20:52
posten
Die bestbesuchte Veranstaltung des eben angebrochenen Grazer Ehrenjahres dürfte zweifellos in zwei Wochen stattfinden. Auch wenn sie für die internationale Szene möglicher Weise weniger attraktiv ist, sondern ausnahmsweise einzig und allein für die Bewohner der inselgezierten Murmetropole reserviert bleibt: Diese dürfen dann nämlich einen neuen Bürgermeister wählen.

Vor 40 Jahren, als der widerständige Chronist dieser abgelaufenen Ereignisse in einem Dachstübchen des Grazer Opernhauses als Dramaturg werkte, waltete dieses bürgermeisterlichen Amtes ein allseits geachteter und mancherorts gefürchteter gestrenger älterer Herr namens Eduard Speck, von ursprünglichem Beruf Mittelschulprofessor.

In dieser Funktion präsidierte er auch den heute noch existierenden, politisch für die Erhaltung der Grazer Bühnen zuständigen Theaterausschuss. Sein Charakterkopf mit gewelltem schlohweißen Haar und dicker Hornbrille prangte bei jeder Premiere malerisch in der Proszeniumsloge.

Trotzdem staunte ich gehörig, als die vierschrötige Gestalt des Bürgermeisters eines Tages plötzlich im Türrahmen des erwähnten Dramaturgiestübchen stand und höflich fragte, ob ich der Herr Vujica sei. Nachdem ich diese Frage kleinlaut, weil Böses ahnend, bejaht hatte, trat er ein und erteilte mir auf die freundlichste Art eine Belehrung:

In einer der im Rundfunk verlesenen Aussendungen hatte ich nämlich geschrieben, dass der legendäre Otto Wiener in Wagners Meistersingern die Rolle des Hans Sachs singen werde. In der Oper, so meinte der Bürgermeister, spreche man von "Partien" - im Gegensatz zum Sprechtheater, wo die Darsteller ihre "Rollen" spielten. Was ich mir für mein Leben merkte - und sich fast alle meiner gegenwärtigen Kollegen hinter die Ohren schreiben mögen.

Zur selben Zeit gab es in Graz eine Publikumsorganisation namens "Theaterringgemeinde". Wenn deren Leiterin, die auf den im gegenwärtigen Wahlkampf zumindest partiell beziehungsvollen Namen Nothnagl hörte, keine Zeit hatte, um sich bei mir Materialien über die kommenden Premieren abzuholen, erschien in ihrer Vertretung ein sympathisch bescheidener, vor Theaterenthusiasmus geradezu sprühender schlanker junger Mann. Sein Name: Alfred Stingl, um dessen Nachfolge als Bürgermeister in diesen Tagen heftigst gerittert wird und dessen ungebrochener Liebe zum Theater jenes in Graz seinen Fortbestand bis heute verdankt.

Profunde Bildung und ehrliche Begeisterung in den Schlüsselpositionen waren wohl die Säulen, auf denen nun die wie das schöne Venedig gleißende Kulturhauptstadt ruht. Mögen sie weder knicken, noch einsinken, diese beiden Säulen. Und viele andere auch>(ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)

Share if you care.