Interview mit Alfred Dorfer über "Ravioli": Wenn ein Ertrinkender Bademeister wird ...

23. Juli 2004, 15:25
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"Ravioli" mit Minimalbudget: Interview mit Alfred Dorfer über sein neuestes Projekt

Eine markante Zäsur setzt ab 17. Jänner der Kabarettist Alfred Dorfer in seinem Schaffen: Sein neuer Film "Ravioli" entstand mit einem Minimalbudget und verweigert entlang der Geschichte eines Arbeitslosen die gewohnten Pointen. Claus Philipp sprach mit dem Künstler.

STANDARD: Ihr neuer Film "Ravioli", inszeniert von Peter Payer (zuletzt: "Untersuchung an Mädeln"), basiert auf Ihrem bis dato letzten Liveprogramm "heim.at" – was ist für Sie zwischen diesen beiden Arbeiten passiert? Wie hat sich das schließlich auf Drehbuch und Inszenierung ausgewirkt?

Dorfer: Der Film entstand quasi für sich, entlang der Idee: Ein Arbeitsloser zieht sich nach dem Tod seiner Mutter immer mehr zurück. Schnittstellen zu heim.at ergaben sich schließlich nur noch über einzelne Gedankenzüge und Textpassagen. Am Anfang stand das bereits reduzierte Bühnenstück als Drehbuch – und dagegen entwickelte sich die völlig andere Geschichte. Die Frage war, wie man das beides kurzschließen kann.

STANDARD: Das funktioniert teilweise über (Bild-)Motive: Wasser zum Beispiel.

Dorfer: Ja. Warum wird zum Beispiel jemand, der seelisch am Ertrinken ist, Bademeister? Gewisse Locations haben sich auch aus dem äußerst geringen Budget ergeben: Der Film hat, in alte Währung umgerechnet, rund 3,2 Mio. Schilling gekostet und wurde innerhalb von zwölf Tagen gedreht. Das ergab natürlich Limits: Was hätte man gerne, und was kann man machen? Obwohl: Ich will kein Hohelied auf Nullbudgets singen. Jeder Wetterumschwung ist da ein Problem. Außerdem wäre das auch Wasser auf die Mühlen derer, die das Filmbudget ohnehin sukzessive kürzen.

STANDARD: In vielerlei Hinsicht scheint "Ravioli" eine Art Abschied vom so genannten Kabarettfilm zu sein. Pointen sind weitgehend gestrichen.

Dorfer: Mit dem – pejorativen – Logo "Kabarettfilm" war ich nie glücklich. Als Indien und Muttertag entstanden, war mir klar, dass das nur ein Anfang sein kann für einen Weg, mit dem Medium Film zunehmend adäquat umzugehen und nicht einfach die Kamera auf gespielte Sketches draufzuhalten. Ich dachte mir schon damals, 1993: Wenn diese "Kabarettfilme" eine Art Schneepflug sind, dann sollte es doch auch möglich sein, in der Folge andere Themen und Formen einzulagern.

STANDARD: Als die Diskussion über den "Kabarettfilm" begann, ergab das sehr schnell zwei Lager: Einerseits die "Puristen", die angeblich keine Mainstream-Produktion zulassen wollten. Andererseits die "Pragmatiker", die hämisch auf ihre Quoten verwiesen – unterstützt vom ORF, der sich schon damals der "Identitätsstiftung" verschrieben hatte.

Dorfer: Ja, auch dieser Konflikt, den ich in dieser Form ziemlich unproduktiv fand, hängt wohl mit der Mediensituation in unserem Land zusammen. Mit Machern, die sich über Quoten definieren und – wir wissen, von welchen Journalen wir hier sprechen – Pfeilchen rauf- oder runterverteilen. Dazu kommt noch eine gewisse Vergreisung der Meinungsbildner.

Wie definiert man dagegen tatsächlich Erfolg? Oder sollte man solche Definitionen nicht besser gleich unterlassen? Für mich hängt der Erfolg oder Misserfolg eines künstlerischen Produktes vor allem damit zusammen, wie es diskursiv behandelt wird. Und da habe ich mir bis dato von allen Seiten vergeblich mehr konstruktive Kritik und weniger geschmäcklerische Rezensionen erhofft.

STANDARD: Mehr Respekt?

Dorfer: Mehr diskursive Auseinandersetzung zwischen Kritik und Filmschaffen.

STANDARD: Das ähnelt wohl den anderen nie geführten Diskursen in der heimischen Gesellschaft und Politik. Wenn ein "Lager" etwas anregt, wird das vom anderen hämisch abgetan oder oft nicht einmal ignoriert.

Dorfer: Das sehe ich auch so. Schon in der einstigen großen Koalition war die Paralyse so stark, dass die Kreativen oft jeden Mist, den diese Koalition gebaut hat, stillschweigend hinnahmen, weil die Angst davor, dass Haider in die Regierung kommen könnte, so groß war. Und diese Paralyse war gleichzeitig wieder die Hebamme für Haider.

STANDARD: Nun könnte man ja sagen, die Paralyse ist eines Ihrer Hauptthemen ...

Dorfer: Da wir in Österreich leben: ja!

STANDARD: Der arbeitslose Held von "Ravioli" etwa flieht aus seiner resignativen Passivität bestenfalls in Erinnerungen, fiktive Dialoge mit seiner Mutter, Fantasiewelten.

Dorfer: Gelähmt von der Unfähigkeit, sich aufzuraffen.

STANDARD: Dieses wohlige Sich-Einrichten in Weltferne: Kommen Sie da dem Publikum, das sich damit identifiziert, nicht zu sehr entgegen? Dass alles ist, wie es ist, unabänderlich, entspricht ja nur dem alten höfischen Laisser-faire.

Dorfer: Wenn man keinen aktiven Eskapismus mehr thematisiert, sondern ein sukzessives Immer-weiter-Zurücktreten, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man zeigt das, eins zu eins, mit allen Konsequenzen. Oder man lässt am Schluss ein Lichtlein leuchten. Aber wir wollten in Ravioli keinen aufklärerischen Schluss im Sinne des Schulfernsehens.

STANDARD: In "Indien" gab's da noch mehr vitale Hoffnung, in aller Tragik: Sind Sie pessimistischer geworden?

Dorfer: Ich glaube einfach, dass eine gewisse Hofnungslosigkeit für immer mehr Leute Realität ist. Ich lagere also keine persönliche Depression aus, wenn ich versuche, die allgegenwärtige innere Emigration zu zeigen. Zur Zeit von Indien war die Situation noch nicht so dramatisch.

STANDARD: Wirklich? Damals hat sich zumindest auch aus der formalen Perspektive von Kabarettisten wie Ihnen oder Josef Hader der Eskapismus und eine gewisse Strategie zunehmender Wirklichkeitsverweigerung abgezeichnet.

Dorfer: Abgezeichnet, ja. Und bei mir hat sich auch auf der Bühne eine Erzählmethode durchgesetzt, die dem Film sehr ähnlich geworden ist. Ich spiele mittlerweile gewissermaßen keine Szenen mehr, sondern vielmehr "Schnitte". Das ist meiner Meinung nach die den Gedanken adäquate Erzählform.

STANDARD: Und das überzeichnen Sie. Gehen Sie da für sich immer mehr in Richtung erfrierender "Kunstfigur"?

Dorfer: Eher nicht, es wäre aber auch durchaus reizvoll, einmal mit anderen Autoren zu arbeiten. Um sich aber fremde Texte wirklich aneignen zu können, muss man ein sehr guter Schauspieler sein. Der Schauspielerberuf ist aber von dem des Kabarettisten divergent. Ich glaube nicht, dass das meine herausragendste Spezialität ist.

STANDARD: Welche Bilder, Szenen, Schnitte würden Sie also in Hinblick auf neue Programme für sich selbst erdenken?

Dorfer: Bilder haben einen nie da gewesenen Stellenwert in der Gesellschaft. Ich denke über eine Auseinandersetzung damit auf der Bühne nach. Was passiert, wenn man die Menschen ihrer originären Imagination beraubt? Wenn in der Bilderflut die kognitive Ebene nicht mehr mitkommt und nur noch mit oktroyierten Informationen gedacht wird – ohne dass dabei realisiert würde, dass sie vorgefertigt sind? Sekundäre Perzeption und Gedanken: Ich weiß nicht, ob das sonst noch jemanden interessiert, aber es wäre den Versuch wert ...
(DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)

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    Alfred Dorfer im Gespräch: "Wenn diese 'Kabarettfilme' eine Art Schneepflug sind, dann sollte es doch auch möglich sein, in der Folge andere Themen und Formen einzulagern!" "Ravioli" startet am 17. Jänner in den heimischen Kinos.

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