Piratenküste im Land der Sultane

19. Juli 2005, 11:33
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Wo Uhren unwichtig sind und Ebbe und Flut den Alltag bestimmen: Städte und Dörfer an der Straße von Malacca.

Der Abendwind streicht durch die Palmen und weht den Duft von gegrillten Satay-Hähnchenspießen und pikanter Erdnußsoße herüber, ein paar Meter entfernt rollen die sanften Wellen des Indischen Ozeans an den Westküstenstränden Malaysias aus. Am Horizont ziehen riesige Containerfrachter die „Straße von Malacca“ entlang, Kurs Singapur oder Hongkong in der einen, Kurs Europa in der anderen Richtung. Seit Jahrhunderten ist der Wasserweg zwischen der malaysischen Halbinsel und der indonesischen Insel Sumatra eine der Hauptseeverbindungen zwischen Fernost und der Alten Welt. Piratengeschichten ranken sich um diese Region, die im Norden bis hinauf zur Ferieninsel Penang und im Süden bis hinunter nach Singapur reicht. Seeräuber machten reiche Beute, wenn sie niederländische und portugiesische Galeonen plünderten – ihrerseits mit Diebesgut beladen, mit millionenschweren Schätzen aus den Tempeln und Königspalästen des alten Asien, die in die Tresore der Kolonialherren nach Europa geschafft werden sollten.

Ambitionierte Schatzsucher und Freizeittaucher gleichermaßen stürzen sich hier heute in die Fluten und suchen nach versunkenen Werten. In den 80er Jahren erst wurde hier vor der Küste das vor Juwelen und Gold strotzende Schiff des Seefahrers Alfonso de Albuquerque entdeckt. Bis heute blieb es ungehoben und – angeblich – auch ungeplündert. Der Wert der Ladung, die der Ozean bislang fest im Würgegriff hält, wird auf mehrere Hundert Millionen Mark geschätzt.

Die Westküste mit der geschichtsträchtigen Stadt Malacca – heute offiziell in Melaka umbenannt – lockt eher Studienreisende an und solche, die den malaysischen Alltag entdecken wollen und im wirtschaftlich erstarkenden Land der elf Sultane das alte Asien suchen. Sie kombinieren eine Reise entlang der Straße von Malacca („Streets of Malacca“) mit anschließenden Badeaufenthalten in den Strandhotels von Penang oder im Fünf-Sterne-Resort auf der exklusiven Privatinsel Pangkor Laut, die dem Sultan von Perak gehört.

Irgendwann sind an diesem Abend dann die Garküchen an den Stränden am Stadtrand von Malacca abgebaut, die picknickenden und feiernden einheimischen Familien nach Hause oder zurück in ihre Hotels gefahren. Längst stehen die Sterne am Firmament, und der warme Wind weht direkt in die Phantasie hinein, zaubert prachtvolle Segelschiffe voller Gold wie eine Fata Morgana an den Horizont und Totenkopfflaggen ans Heck der Fischerboote, die ein paar Dutzend Meter von hier am Steg dümpeln.

Frau Ho hat sich zu uns in den weichen Sand gesetzt. In bruchstückhaftem Englisch erzählt sie, daß sie seit 70 Jahren hier lebt. Daß sie den Sonnenuntergang und die Sterne liebt und sich nicht vorstellen kann, beides anderswo in gleicher Schönheit zu sehen. Sie lädt uns in ihr Stelzenhaus ein, serviert schwarzen malaysischen Boh-Tee von den Plantagen hoch oben in den Cameron Highlands und erzählt die halbe Nacht nur noch in ihrer Muttersprache. Wir verstehen kein Wort und hören der weichen Stimme der charismatischen Alten dennoch wie gebannt zu, hängen Silbe für Silbe an ihren Lippen. Sie lächelt und schenkt nach – bis fast in den nächsten Morgen hinein.

Ein paar Stunden später in den engen Altstadtstraßen von Malacca, wo Baukräne und Betonmischer das alte Asien noch nicht mit Wolkenkratzern verdeckt oder wegmodernisiert haben: Im Cheng Hoon Teng-Tempel brennen Räucherkerzen. Taoisten und Konfuzianer beten vor den Schreinen, lassen sich ihr Schicksal weissagen.

Nebenan verkaufen Händler in vollgestopften Mini-Geschäften Grabbeigaben aus Papier, die bei der Bestattung zusammen mit den Toten verbrannt werden und ihnen so nach dem irdischen Ende in einer anderen Dimension wieder voll funktionsfähig zur Verfügung stehen sollen. Da gibt es als verkleinerte Papiervariante alles, was im Leben wie im Tod wichtig ist: Möbel, Häuser, Küchengeräte, natürlich Autos – durchwegs mit Stern auf der Haube. Neueste Geschäftsidee der Händler fürs Leben danach: papierene Kreditkarten – schließlich ein wichtiges Requisit der Lebenden, warum also nicht auch der Toten. Und das Cleverste daran: Sie laufen nach zwei Jahren ab. Sollen die Toten dann auch noch vom symbolischen Plastikgeld zehren, müssen die Hinterbliebenen eben termingerecht ein neues Papiermodell erstehen und verbrennen.

Ein paar Schritte weiter der Hindu-Tempel Sri Poyyatha Vinayagar Moorthi, dann die Kampung-Keling-Moschee: In Malacca, der ältesten Stadt Malaysias, existieren die Religionen einträchtig nebeneinander. Und dasselbe gilt für die Baustile: hier ein Minarett, dort chinesische Pagodenarchitektur, dann portugiesische Elemente, schließlich kolonialholländische Prachtbauten. Die vielen Gesichter einer Stadt: In jedem einzelnen spiegelt sich ein Stück ihrer Geschichte wider.

Hundert Kilometer weiter nördlich lebt Ng Teck Gee auf der Insel Sungai Lima eine halbe Bootsstunde vor der Küste bei Port Klang: Er verdingt sich als begeisterter Fremdenführer und vermietet Privatquartiere mit Familienanschluß in seinem Heimatdorf, fernab vom Tourismus, an Fremde.

Zwar ist Herr Ng der einzige dort, der Englisch spricht, aber das Sprachproblem, meint er, sei gar keines: Es gäbe Hände, Füße und – viel wichtiger noch – das Lächeln. Und wenn alles nicht weiterhilft, dann könne er ja dolmetschen.

Die Jobs der 1500 Einwohner von Sungai Lima sind exakt zweigeteilt: Die Männer arbeiten hart und manchmal gefährlich als Shrimpsfischer, sind zum Höhepunkt der Flut eine volle Woche draußen in der Straße von Malacca auf Fangfahrt und danach eine volle Woche zu Hause auf der Insel, um im Lehnstuhl zu relaxen oder Mah Jong zu spielen. Die Frauen unterdessen breiten die Shrimps zum Ausdörren auf den Planken der Stege und auf den flachen Dächern der Häuser aus, um sie später zu schälen und nach Kuala Lumpur zu verkaufen. Abendliches Entertainment gibt es keines, sagt Herr Ng, „nur die Möglichkeit, den Geschichten der Großeltern zuzuhören.“

Hier und dort

Die Großstädte locken dennoch nicht. „Der Sohn folgt dem Vater auf die See. So spielt das Leben hier, und das Festland ist eine andere Welt.“ Elektrizität gibt es auf Sungai Lima nur von abends um sieben bis zum nächsten Morgen. Was er an seiner Geburtsinsel am meisten schätzt, wollen wir wissen. Herr Ng muß keine Sekunde lang überlegen: „Daß es hier keinen Druck, keine Eile gibt. Daß Uhren unwichtig sind und nur Ebbe und Flut den Alltag bestimmen. Daß ich die Chance habe, die Lebensweisheiten der Älteren zu erfahren. Und daß ich immer wieder den Sonnenuntergang und die Sterne hier erleben darf.“ Frau Ho würde ihm glücklich die Hand reichen. (Der Standard, Printausgabe)

Von Helge Sobik
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