Nachlese: Warteräume der Kinomoderne

31. Juli 2007, 14:17
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Die Filme von Michelangelo Antonioni gehören zu den bedeutendsten Arbeiten des modernen europäischen Erzählkinos - Filmschau im Filmmuseum (2003)

Das Österreichische Filmmuseum zeigt in seinem Jännerprogramm das Gesamtwerk des italienischen Regisseurs.

Wien - Die Geschichte einer verhängnisvollen Liebesbeziehung: Ihr Anfang liegt im Off, vor dem Beginn der eigentlichen Erzählung. Die Tatsache, dass sie wieder auflebt, ist hingegen ursächlich mit dem Umstand verknüpft, dass ein Mailänder Industrieller eine Detektei beauftragt, das ihm unbekannte Vorleben seiner jungen Gattin zu durchforsten.

Cronaca di un amore/ Chronik einer Liebe aus dem Jahr 1950, Michelangelo Antonionis erster Spielfilm. Jeder ist seines Unglücks Schmied. Psychologisiert wird nicht. Die Figuren, die Antonioni hier entwirft, tragen bereits jene Züge, die man später als Charakteristikum seiner Arbeiten beschreiben wird. Sie sind Müßiggänger, nüchterne Materialisten - auch in Liebesdingen hänge alles vom Gelde ab, sagt Lucia Bosé zu ihrem mittellosen Geliebten -, und zugleich von unerklärlicher Unruhe getrieben.

In Cronaca, der mit seinen zunehmend die Körper und Räume überwuchernden Schattenzeichnungen entfernt an einen Film-Noir-Thriller erinnert, ist diese Rastlosigkeit der Protagonisten allerdings noch konkret durch eine alte Schuld motiviert. In Le amiche/Die Freundinnen, fünf Jahre später entstanden, ist sie bereits viel deutlicher, und dabei unbestimmter, einem Lebenszusammenhang geschuldet.

Der Selbstmordversuch einer Tochter aus wohlhabenden Hause führt die neu angekommene, allein stehende Verkaufsleiterin eines Modehauses mit einer Clique von Freundinnen zusammen. Am Ende kommt Clelia (Eleonora Rossi Drago) hier noch der Status einer moralischen Instanz zu - auch dies eine Position, die in späteren Filmen kaum mehr zu halten ist.

Vom Verschwinden

L'avventura/Die mit der Liebe spielen - zehn Jahre und vier Spielfilme nach Cronaca di un amore: Die Figuren verschwinden inzwischen zunehmend in den Räumen, in die der Regisseur sie stellt. Bereits in Cronaca unternehmen die Protagonisten Fahrten an die Peripherie der Stadt, ist die Handlung an Originalschauplätzen angesiedelt. Diese gewinnen nun jedoch - immer noch in Schwarz-Weiß - zunehmend Eigenleben, erhalten eine mitunter bedrohliche Präsenz, unabhängig davon, ob es sich um ein scheinbar menschenleeres, weitläufiges Hotelgebäude oder um offene Landschaften handelt.

Eine junge Frau, dargestellt von Lea Massari, verschwindet in L'avventura im Verlauf eines Ausflugs auf einer Vulkaninsel tatsächlich. Wieder initiiert dieser beunruhigende, unerklärliche Vorfall eine neue Beziehung, die er von Beginn an belastet. Am Ende gibt es keine Schuldzuweisungen mehr und auch keinen Handlungsspielraum - bestenfalls den Versuch, einander vor diesem Hintergrund noch irgendwie Halt zu geben.

In letzter Konsequenz verlieren sich Antonionis Suchende schließlich ganz in den Bildern. Egal, ob eine nervöse Monica Vitti in seinem ersten, unnachahmlichen Farbfilm Il deserto rosso/ Die rote Wüste (1964) in den Bann von devastierten Industrielandschaften gerät. Oder ob sich David Hemmings in Blow Up (1966), einem von Antonionis populärsten Filmen, in die obsessive Untersuchung eines Fotos verstrickt, das möglicherweise einen versteckten Hinweis auf ein Verbrechen enthält. Oder ob Jack Nicholson am Ende von Professione: Reporter (1975) im Zuge einer siebenminütigen, ausgefeilten Kamerafahrt um nichts weniger als sein Leben gebracht wird.

"Ein spezifisches Gewicht der Zeit, das sich im Innenleben der Figuren abspielt und sie von innen her aushöhlt", kennzeichnet nach Gilles Deleuze das Kino Antonionis - "Warten ist ein Wort, das mir gefällt", sagt ein lethargischer Professor zum Detektiv in Cronaca, "wir warten alle".

Zumindest für Wiener Kinobesucher ist das Warten vorübergehend ausgesetzt: In Zusammenarbeit mit der Cinecittà Holding und dem Italienischen Kulturinstitut zeigt das Österreichische Filmmuseum diesen Monat das Gesamtwerk des 1912 in Ferrara geborenen Regisseurs, in restaurierten Kopien.

Antonionis erste Arbeiten, zumal seine dokumentarischen Kurzfilme (Gente del Po, u.a.) fallen in die Periode des italienischen Neorealismus (1942 bis 1951):

Diese filmische Erneuerungsbewegung, zu deren prominentesten Vertretern Roberto Rossellini, Vittorio de Sica oder Luchino Visconti zählen, entwickelte in Reaktion auf die zeitgenössische Kino-Konfektionsware, aber auch vor dem Hintergrund materieller Beschränkungen, unter anderem offenere Erzählformen, brach kausale Erzählzusammenhänge und -strukturen auf.

Antonioni hat diese Entwicklungen mit seinen Filmen im Nachkriegskino wohl am weitesten vorangetrieben. (Isabella Reicher/DER STANDARD; Printausgabe 08.01.2003)


"Retrospektive Michelangelo
Antonioni" bis 27. Jänner im
Österreichischen Filmmuseum

www.filmmuseum.at
  • PROFESSIONE: REPORTER (1975)
    filmmuseum

    PROFESSIONE: REPORTER (1975)

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