Diffamierung statt Diskussion?

17. September 2003, 10:14
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Kann, darf man die Vorzüge der "anonymen Geburt", wie sie die Stadt Wien derzeit propagiert, in Zweifel ziehen? SP-Stadträtin Pittermann qualifizierte einen skeptischen Befund von Sigrid Pilz gar als "menschen-verachtend". Hier die Replik der Kritikerin.

Zur Sache: Elisabeth Pittermann geht in ihrer Replik auf meinen Kommentar "Jesus Christus Anonymus" (DER STANDARD, 27. Dezember 2002) zur Praxis der "anonymen Geburt" auf das drängende Problem des verordneten Identitätsverlustes für die anonym geborenen Kinder in keiner Weise ein, sondern wiederholt ihr unbelegtes Argument, dass Frauen, die anonym in Spital entbinden, ohne diese Möglichkeit aus Verzweiflung im Park gebären müssten.

Unterstellung

Würde sie diese sozialromantische Klischeevorstellung einmal infrage stellen und ihrem eigenen Personal wie Hebammen, Geburtshelfern und Sozialarbeitern zuhören, könnte sie mir auch nicht länger unterstellen, meine Argumente aus dem Spiegel und von den deutschen Grünen abgekupfert zu haben. Meine Sorge mit der Wiener Regelung fußt nämlich auf eingehenden Gesprächen mit ebendiesen Wiener Fachleuten, die im Gegensatz zur Stadträtin große Bedenken zur gegenwärtigen Lösung äußern. Zuletzt offiziell in der Sitzung des Wiener Frauengesundheitsbeirates, der Frau Pittermann im Gegensatz zu mir aber leider fern blieb.

Dort hat Professor Martin Langer, Geburtshelfer im AKH, ausführlich und eindringlich die Risiken der "anonymen Geburt" dargestellt und dabei insbesondere die fehlende Bearbeitungsmöglichkeit jener Konflikte kritisiert, welche die Frauen in die schwierige Lage gebracht haben. Berichte aus der Praxis der anonymen Geburten in Wien belegten außerdem, dass nicht nur Frauen in Not diese Möglichkeit in Anspruch nehmen, sondern auch Ehepartner in durchaus stabiler psychischer Verfassung. Deren wichtigstes Motiv für die Anonymität: die Brücken zum Kind endgültig abzubrechen, um ausschließen, dass durch eine geregelte Adoption der Weg zu ihnen für das Kind später zurückzuverfolgen ist.

Es trifft auch keinesfalls zu, dass die Grünen zu diesem Problem ihre Meinung geändert hätten. Bei der Beschlussfassung im Landtag war noch nicht von einer Dienstanweisung die Rede, die sich ausdrücklich über einen Erlass des Justizministeriums hinwegsetzt, die von den Angestellten der Wiener Spitäler explizit fordert, die Gründe, die Frauen für die Anonymität nennen, zu akzeptieren - "welche es auch immer" sein mögen.

Diese Rechtsunsicherheit für das Personal hätte nie die Zustimmung der Grünen gefunden. Zudem wurde der Beschluss von ihnen nur unterstützt, weil sie im Landtag die verpflichtende Durchführung einer Begleitstudie durchgesetzt hatten, die prüfen soll, ob die "anonyme Geburt" ihre vorgebliche Zielgruppe, nämlich Frauen in Not, tatsächlich erreicht (oder ob hier nicht unter der Hand eine "Alternative" zur geordneten Adoption eröffnet wird).

Entgleisung

Was schließlich den Diskussionsstil der Frau Stadträtin betrifft: Sie hält meine weihnachtlichen Betrachtungen, ob Maria von Nazareth in der städtischen "Aufklärungs- kampagne" für die "anonyme Geburt" guter Rat zuteil geworden wäre, für religiöse Respektlosigkeit und scheut nicht davor zurück, mir in diesem Kontext "Menschenverachtung" zu unterstellen. Ich halte das für eine diffamierende Entgleisung, die im politischen Streit entbehrlich ist.

Der Vorwurf der Menschenverachtung im Zusammenhang mit "anonymer Geburt" könnte allerdings früher zum Thema werden, als Frau Pittermann lieb ist: Aus dem pausbäckig lächelnden Findelkind, das die "Aufklärungs"plakate der Stadträtin ziert, wird eines Tages ein junger Mensch, der ruhelos nach seinen Wurzeln sucht. Und vielleicht entscheidet sich "Anna" eines Tages, die Stadt Wien zu klagen (so wie kürzlich eine junge Französin ihre Regierung), weil sie ihr die eigene Identität für immer vorenthalten hat. Wer könnte es ihr verdenken, wenn sie dann der verantwortlichen Stadträtin aus sehr nachvollziehbaren Gründen Menschenverachtung vorwirft?
Sigrid Pilz, Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin der Wiener Grünen (DER STANDARD, Printausgabe 07.01.2003)

Kommentar der anderen von Sigrid Pilz

Nachlese

Nicht länger schutzlos im Park ...
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