Grazer Alkotest

15. August 2003, 20:52
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Schönen guten Tag und ein neues Jahr, das für Sie nichts anderes bringt als eine gigacoole Serie megakrasser Events!

Apropos neues Jahr. Jetzt ist es ja auch schon bald vier Tage alt. Aber trotzdem. Kann ja sein, dass der Silvester sehr intensiv war und Ihre Leber bis heute noch nicht mit dem Gemisch aus Punsch, Sekt und sonstigem zurande kommt, das Sie ihr überreich zugeleitet haben. Aber in einer Hinsicht kann ich Sie beruhigen: Sollten Sie nach Graz kommen oder gar ein glücklicher Eingeborener dieser Stadt sein, und Sie sehen den Uhrturm doppelt, wenn Sie zum Schlossberg blicken - dann ist das ganz gewiss nicht der Alkohol.

Man könnte fast von einem Grazer Alkotest sprechen: Sehen Sie zwei Uhrtürme, dann sind Sie, so unglaublich es auch klingen mag, stocknüchtern. Sehen Sie hingegen vier, dann sollten Sie sich besser noch nicht ans Steuer setzen.

In aller Stille nämlich - und vom Wissenschaftsjournalimus bisher sträflich unbeachtet - hat man das vierschrötige Bauwerk offenbar geklont. Oder es wurde, keusch befruchtet von den heiligen Geistern der Kulturhauptstadt, in Parthenogenese eines wohl gewachsenen Kindes entbunden.

Als sentimentaler Chronist weiß ich zu berichten, dass es um den und im Uhrturm nicht immer so züchtig zugegangen ist. Ende der Vierzigerjahre des vorigen Jahrhunderts stand in der Neuen Zeit höchst Pikantes zu lesen:

Die Gemahlin des Uhrturmwärters pflegte in dessen Abwesenheit höchst delikaten Besuch zu empfangen. Als der Türmer eines Tages früher als gedacht zurückkehrte, blieb dem überraschten Besucher nichts anderes, als auf Gedeih oder Verderb aus dem Fenster des Uhrturms zu türmen.

Auf peinlichsten Verderb, wie nicht nur er, sondern auch der Hahnrei nebst sündiger Gemahlin feststellen musste: Er blieb im Sprung nämlich an einem Zeiger hängen, an dem er zum Gaudium der Spaziergänger dann kläglich zappelte.

Ich weiß nicht, ob im Uhrturm heute noch ein Türmer seines Amtes waltet. Ich weiß auch nicht, ob dieser, so es ihn gibt, eine Gemahlin hat. Und für den Fall, dass es eine solche gibt, weiß ich schon gar nicht, ob sie einen heimlichen Besucher hat. Wenn ja, sei ihr der väterlich wohlmeinende Rat erteilt, ihre Begegnungen ab nun doch in den neuen Uhrturmsprössling zu verlegen. Damit hätte die Kulturhauptstadt auf Anhieb schon zwei glückliche Einwohner.

Und die allenfalls motzenden unter den übrigen mögen auf ihrem Kulturpfad durch Graz das eine bedenken: Eine Nation, für die schon ein von den Philharmonikern nett gespieltes Neujahrskonzert genügt, um einen kollektiven Orgasmus auszulösen, hat Dinge, die sie aufweckt, bitter nötig.

Und wäre es ein zehnfacher Uhrturm in Graz. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)

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