"8 Mile": Jeder Vers ein Treffer

23. Juli 2004, 14:36
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Wie wird man zum HipHop-Superstar? Eminem himself führt es in "8 Mile" unter der Regie von Curtis Hanson vor

Wie man ein HipHop-Superstar wird, weiß Eminem am besten: In seinem Schauspieldebüt "8 Mile", der lose auf seiner eigenen Biografie basiert, führt er nun vor, was dafür vonnöten ist.


Wien – Den ersten Gegner findet er in sich selbst. Jimmy "Rabbit" Smith steht vor dem Spiegel wie ein Boxer, der sich auf seinen ersten Fight vorbereitet. Im Ring geht es dann allerdings nicht darum, den Kontrahenten mit körperlicher Gewalt zu bezwingen, sondern vielmehr mit Worten: Beim Rap-Duell steigt jener in die nächste Runde auf, der sein Gegenüber effektiver schmäht, diesem den überraschenderen rhetorischen Haken verpasst.

Rabbit ist ein Weißer, das HipHop-Milieu ist aber die Domäne von Afroamerikanern. Als er das erste Mal auf der Bühne steht, wird er vor der johlenden Menge den Mund nicht aufbekommen. Verkörpert wird Rabbit vom HipHop-Superstar Eminem, dem Bad Boy der Szene, der seine Mutter ebenso wie Osama Bin Laden in seinen Texten und Videos in den Dreck zieht – einem der ersten Weißen, dem es gelang, die schwarze Gettokultur glaubwürdig umzukodieren.

8 Mile, der sich an der offiziellen Biografie Eminems orientiert, kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, diese Glaubwürdigkeit zu untermauern, indem er das Privatleben des Rappers mythologisiert. Der Film erzählt die Vorgeschichte zum Startum, und er bedient dabei die alte US-amerikanische Fabel vom Individuum, aus dem noch immer etwas geworden ist, wenn es nur sich selbst treu zu bleiben versteht.

Es geht also ums Leben "in the hood", jenseits der 8 Mile, der Straße, die in Detroit das Viertel der Schwarzen von dem der Weißen trennt. Sie ist allerdings eine letztlich imaginäre Grenze, denn nicht nur das Stadtbild ähnelt sich auf beiden Seiten, auch die Jugendgruppen sind ethnisch durchmischt.

Die Bewegung des Films ist weniger linear als ein zunächst zielloses Hin und Her: Rabbit zieht mit seinem Kumpel Future (Mekhi Phifer) und ein paar anderen durch die Gegend – sie üben sich in Posen, suchen kleinere Auseinandersetzungen, träumen von künftigem Reichtum und Ruhm – und wohnen doch noch fast alle bei ihrer Mutter.

Elvis des HipHop

Anders als im Boxerdrama, in dem der Weg nach oben über hartes Training führt, ist in 8 Mile das Leben selbst die Schule: Rabbit hat auf der einen Seite mit seiner Mutter – Kim Basinger als glamouröse, insofern etwas deplatzierte Alkoholikerin -, deren jugendlichem Freund und seiner White-Trash-Herkunft zu kämpfen, wie er umgekehrt von einer Gangsta-Bande verschiedenen rassistischen Demütigungen ausgesetzt ist und als Elvis beschimpft wird. Ein Held, der sich im Grunde nach Harmonie sehnt und bereit ist, für ein geregeltes Einkommen in der Fabrik zu schuften.

Regisseur Curtis Hanson setzt, wie schon in L. A. Confidential und Wonder Boys, auf einen Milieurealismus, der hier die Dramatik eher abschwächt als verstärkt. Detroit ist eine Stadt der Baracken, in der die Straßen vor Feuchtigkeit glänzen, Innenräume muffig und unaufgeräumt sind. Konfrontationen entstehen unerwartet, etwa im Inneren eines Plattenstudios, gedämpft durch schalldichtes Glas, und die Kamera von Rodrigo Prieto (Amores perros) bleibt beweglich, gewappnet für plötzliche Ausbrüche.

Für Rabbit aka Eminem scheint dieser urbane Raum dennoch nur eine Kulisse zu sein; sein jungenhaftes Gesicht spiegelt kaum Emotionen wider, sein Talent zu rappen demonstriert er beinahe widerwillig und weniger auf Bühnen als auf Realschauplätzen – an ihm scheint alles abzuprallen, ganz so, als müsse er sich vor niemandem beweisen.

Erst am Ende von 8 Mile, wenn sich Rabbit endlich den Rap-Duellen stellt, wird klar, dass das fast passive Erdulden von Demütigungen ihn auf der Bühne nur umso stärker machen soll: In den ersten Runden gleicht er noch einem Boxer, der sich aufs Kontern verlegt hat und die matten Attacken seiner Gegner mühelos übersteht.

Zum Triumph aber wird der Augenblick, wo er selbst zum Angriff übergeht, auf den Angriff gegen sich selbst: Indem er nämlich seine eigenen Schwächen stolz vorführt und seine Sozialisierung zum Adel erklärt, nimmt er die Schläge des Kontrahenten vorweg, zugleich erfährt dadurch seine Aneignung des HipHop Legitimität. Das letzte Wort gehört damit eindeutig Eminem.
(DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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8-mile.com



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  • Die Harmonie täuscht, denn in Detroit sucht jeder nur sein eigenes Glück: Skandalrapper Eminem mit Love-Interest Brittany Murphy in Curts Hansons "8 Mile"
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    Die Harmonie täuscht, denn in Detroit sucht jeder nur sein eigenes Glück: Skandalrapper Eminem mit Love-Interest Brittany Murphy in Curts Hansons "8 Mile"

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