"Gangs of New York": Die zweite Geburt einer Nation

23. Juli 2004, 16:04
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Martin Scorseses "Gangs of New York" - ein doppeltes gewaltiges Drama über Ökonomie und Integrität

Die amerikanische Filmgeschichte ist seit diesem Jahr um zwei große Epen reicher: Einerseits erzählt Martin Scorseses "Gangs of New York" über Bandenkriege im Jahr 1860. Andererseits entwickelte sich die Produktion des Films, der kürzlich in den USA gestartet ist, selbst zu einem gewaltigen Drama über Ökonomie und Integrität.


Einen Film, der noch nicht fertig gestellt ist, mit einer Art Premierengala zu bedenken: Es bedarf großer Hochachtung vonseiten der Industrie und der Kritik, um so einen Event bei den Filmfestspielen in Cannes zu rechtfertigen. Francis Ford Coppola war diese Ehre einst mit einer Rohfassung von Apocalypse Now zuteil geworden. Und an die denkwürdige Präsentati- on dieses in Material- und Nervenschlachten erkämpften Vietnamkriegsdramas mussten im Mai dieses Jahres denn auch viele Besucher denken, als vor dem Palais du Festival der rote Teppich für den US-Regisseur Martin Scorsese, den Produzenten Harvey Weinstein und die Stars Leonardo DiCaprio und Cameron Diaz ausgerollt wurde.

Gerade einmal 20 Minuten des lange erwarteten Epos Gangs of New York wurden da gezeigt. Ein ausführlicherer Trailer zu jenem "Herzens- projekt", das Scorsese seit über zwanzig Jahren auf der Basis eines historischen Romans von Herbert Asbury gehegt und vorbereitet hatte. Und wie schon im Fall Apocalypse Now brodelte die Gerüchteküche, obwohl alle Beteiligten in einer Pressekonferenz und "exklusiven" Interview-Junkets demonstrativ Optimismus verbreiteten.

Scorsese arbeitete bekanntlich seit mittlerweile gut eineinhalb Jahren am Schnitt von Gangs of New York. Ebenso bekannt war, dass Budgetüberschreitungen die Kosten von geplanten 85 auf 120 Millionen Dollar explodieren ließen. Und auch in Cannes hieß es, dass über eine ursprünglich geplante Vier-Stunden-Version, auf der Scorsese anfänglich beharrte, heftige Streitigkeiten mit dem Produzenten ausgebrochen seien.

Stil und Karriere(n)

Wenn Harvey Weinstein solche Horrorgeschichten auch von sich wies, so gab er in Gesprächen doch zu: "Marty wollte die Gewalt zu Beginn vor allem im Schneideraum extrem überhöhen und stilisieren. Viele der Szenen, die daraus entstanden, konnte man schlicht nicht nachvollziehen. Jetzt ist der Film weniger gewalttätig. Er dauert zwei Stunden 45 Minuten. Wenn man ohnehin über komplexe historische Verhältnisse erzählt, dann hält man die Geschichte besser geradlinig."

Nun war und ist der Plot von Gangs of New York von Anfang an ziemlich simpel angelegt - in der Tradition etwa der großen Kinoopern eines Sergio Leone. Es war einmal im New York des Jahres 1860: Ein junger irischer Bandit (DiCaprio) will die Ermordung seines Vaters (Liam Neeson) an dem gefürchteten Bandenführer "Bill the Butcher" (Daniel Day Lewis) rächen, erschleicht sich dessen Vertrauen - und betrügt ihn auch mit seiner Geliebten (Cameron Diaz).

Diese holzschnittartige Dreiecksgeschichte in akribisch recherchierter historischer Ausstattung dynamisch aufzusplittern wie einst das italienische Mafiawesen in Good Fellas: Klar, dass Scorsese dies sein "bisher ambitioniertestes Projekt" nannte - "eine urbane Antwort auf die großen Pioniersagas aus dem Wilden Westen, die einen oft übersehen lassen, dass in den entstehenden Städten noch deutlicher die Grundlagen für die heutigen Verflechtungen aus Politik, Ökonomie und Gewalt des Vielvölkerstaates Amerika gelegt wurden".

Aber kann man das auch so erzählen, wenn derart viel auf dem Spiel steht? Für jeden der Beteiligten war und ist der Film (jetzt, wo Gangs of New York endlich mitten im US-Weihnachtskino startete) ein die jeweilige Karriere entscheidendes Unternehmen. Scorsese plant immer noch (möglicherweise wieder mit Weinstein als Partner) eine epische Verfilmung des Lebens von Howard Hughes (wieder mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle). Harvey Weinstein seinerseits ringt mit dem Studio Miramax ebenso ums Überleben, wie DiCaprio erst beweisen muss, dass er den mit Titanic gewonnenen Ruf als Publikumsmagnet tatsächlich auf Dauer halten kann.

Entsprechend nervös wurde denn auch jede kleine und kleinste Anekdote etwa aus dem Leben des Stars gesammelt und vervielfältigt: DiCaprio lasse den Dreh im Stich, hieß es, als der Schauspieler außerhalb der Location in der römischen Cinecittà bei einem oder mehreren Gläschen Wein gesichtet wurde. Oder: "Leonardo bewirft Paparazzi mit Pferdemist."

Doppel-Comeback

Der Druck, der auf ihm lastet, wird nicht geringer, wenn er jetzt durch die endlose Verschiebung von Gangs of New York mit gleich zwei Renommierproduktionen in den US-Kinos sein "Comeback" feiert. Seine zweite Hauptrolle im Weihnachtskino dieser Tage spielt DiCaprio als notorischer Trickbetrüger in Steven Spielbergs Catch Me If You Can. Andere Schauspieler würden so eine "Chance" bejubeln - in diesem prekären Terrain und gegen Konkurrenten wie Der Herr der Ringe 2 grenzt sie an Verdammnis.

Und über alldem schweben im Fall von Gangs of New York wie ein Fluch die schlechten Erfahrungen, die die Industrie mit verfilmter US-Geschichte machte, gerade wenn sie Geld, Gewalt und Gier episch ausstellen wollte: Scorsese, der hier gerne von "meinem Birth of a Nation" spricht, denkt als profunder Kenner der Filmgeschichte ganz gewiss oft an legendär verstümmelte Torsos wie Erich von Stroheims Greed oder Leones Once Upon A Time In America.

Und er weiß von Freunden wie Coppola oder Brian de Palma (Bonfire of Vanities), wie leicht man mit Herzens- projekten baden gehen kann, wenn sie ans Herz der amerikanischen Selbstdarstellung gehen. Er selbst hat sich schon Ende der 70er-Jahre mit dem Musical New York einen legendären Flop geleistet, von dem aus er sich mit Kleinst- produktionen wie Afterhours emporarbeiten musste.

Das Grandiose und Furchtbare an der Geschichte des großen amerikanischen Kinos wird auch hier einmal mehr bewusst: Diese Industrieform agiert einerseits höchst pragmatisch, andererseits negiert sie nach außen hin jede vernünftige Relation. Niemand bringt dies treffender auf den Punkt als ausgerechnet der eigentlich als zynischer Rechner verrufene Harvey Weinstein, wenn er den Journalisten in Cannes mit bärbeißigem Lächeln erklärte, wie in diesem Bereich Kalkulationen "funktionieren".

"Es ist eigentlich trotteleinfach: Das geplante Budget belief sich bei etwa sechs Monaten Drehzeit auf 83 Millionen Dollar. Dann: acht Monate - über 100 Millionen Dollar. Also: Scorsese verzichtete auf einen Teil seines Salärs, um weiter überziehen zu dürfen. Ich verzichtete. Und auch DiCaprio verzichtete - auf die Hälfte seiner Gage. Ich hoffe, wir kriegen das zurück."

"Aber jetzt", so Weinstein weiter, "beachten Sie doch bitte einmal vergleichbare Produktionen! Wir machen hier einen Monumentalfilm, der im Endeffekt billiger ist als Dr. Doolittle 2! Bei so einer ,leichten' Komödie kriegt Eddie Murphy 25 Millionen Dollar; Ron Howard als Produzent kriegt 10 Millionen, der Regisseur erhält noch einmal 5 Millionen, dann kosten die Spezialeffekte 20 Millionen; und dann veranschlagen wir noch einmal 40 Millionen für den Rest. Für dieses Geld mache ich lieber Gangs of New York."

Hoffnungsträger

Und andere potenzielle Oscar-Favoriten. Zum ziemlich opulenten Weihnachtsangebot, an das Miramax heuer seine Hoffnungen knüpft, zählen etwa die Virginia-Woolf-Biografie The Hours (mit Meryl Streep und Nicole Kidman), das Musical Chicago (mit Catherine Zeta-Jones und Richard Gere) sowie Confessions of A Dangerous Mind (von und mit George Clooney).

Weinstein: "Was beim Filmemachen wirklich hart ist: Das, was nicht sofort Anklang findet und gut besprochen und beworben wird, geht unter - du erhältst keine Auszeichnung für noble Ambitionen." Bis dato hat Scorseses Film innerhalb von zehn Tagen rund 30 Millionen Dollar eingespielt. Tendenz: steigend. Ob sich das ausgeht?
(DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2002/1.1.2003)

Von
Claus Philipp

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In Österreich startet "Gangs of
New York" am 20. Februar.
  • Leonardo DiCaprio und Regisseur Martin Scorsese am Set von "Gangs of New York": In Roms Cinecittà hatte der Ausstatter Dante Ferretti historische Szadtteile New Yorks auf einem Areal von etwa 1,5 Quadrat- Kilometern rekonstruiert
    foto: centfox

    Leonardo DiCaprio und Regisseur Martin Scorsese am Set von "Gangs of New York": In Roms Cinecittà hatte der Ausstatter Dante Ferretti historische Szadtteile New Yorks auf einem Areal von etwa 1,5 Quadrat- Kilometern rekonstruiert

  • Cameron Diaz, LDC
    foto: centfox

    Cameron Diaz, LDC

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