Noch ein Zimmer

30. Dezember 2002, 15:22
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Manche Träume hat man nicht alleine. Unser Mathematikprofessor teilt die Maturaaufgaben von einst aus...

Manche Träume hat man nicht alleine. Zum Beispiel den, vom Anruf, man möge wegen einer Formalität doch bitte rasch in der ehemaligen Schule vorbeikommen. Um die Mathematik-Matura noch einmal durchzugehen. Es würde, sagt die Stimme am Telefon, keine zehn Minuten dauern. Und dann sitze ich mit meinen einstigen Klassenkollegen wieder im Festsaal hoch über dem Beethovenplatz. Unser Mathematikprofessor teilt die Maturaaufgaben von einst aus. Die Fragen - das habe ich neulich nachgeschaut ­- sind präzise die von damals. Aber ich weiß heute nicht einmal mehr, was eine Kurvendiskussion ist ­ - interessiert haben mich solche Fragen aber schon in meiner Schulzeit nicht.

Neulich hatten wir ein Klassentreffen. Und plötzlich erzählte einer - längst Familienvater und braver Anwalt - von einem Traum, den er immer wieder habe: Da komme ein Anruf aus der alten Schule ... Wir wurden blass. Und zwar so ziemlich alle.

Es gibt da noch einen anderen Traum, von dem ich weiß, dass ich ihn nicht alleine habe. Es ist der vom zusätzlichen Zimmer. Plötzlich ist da eine Tür. Die muss man in den Tagen und Jahren zuvor halt einfach übersehen haben. Hinter der Tür gibt es noch ein Zimmer. Eingerichtet - oder vermodert - in dem Stil, in dem die Wohnung war, als man sie zum ersten Mal gesehen hat. Jaja, nickten die alten Klassenkollegen, den Traum würden sie auch kennen. Einige von ihnen zumindest. Und einige anfangen, ihn zu analysieren - aber ich ließ sie nicht. Sondern erzählte von M.

Der Riss

M. hatte den Zimmertraum auch gehabt. Immer wieder. Und ihn nicht ernst genommen. Aber dann ist sie übersiedelt. In eine andere Stadt, in eine schöne, große Altbauwohnung. Wie in der anderen Stadt üblich, gehört zu ihrer Wohnung aber kein Kellerabteil, sondern ein rund eineinhalb Meter hohen Speicher, der über dem Vorzimmer (das natürlich niedriger als die anderen Räume ist) liegt. Irgendwann - M. wohnte schon ein Jahr in der Wohnung in der anderen Stadt ­ holte sie einen Koffer aus dem Speicher und bemerkte einen komischen Riss in der Wand. Ganz hinten. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass der Riss kein Riss, sondern ein Stück des Spalts zwischen einer kleinen Tür und der Wand war: Ihr Koffer hatte ein Stück der Tapete, die darüber geklebt war, abgerissen.

Hinter der Tür lag ein Zimmer. Klein. Eineinhalb Meter hoch. Im Zimmer stand ein Bett und ein Nachtkästchen. Es gab sogar ein Fenster in den Hof. Weder der Vormieter, noch der Wohnungsbesitzer, sagte M., habe von dem kleinen, vergessenen Dienstbotenraum gewusst. Und das überzählige Fenster war nie jemandem aufgefallen, wenn er von unten die Fassade hinaufgeblickt hatte. Als M. mir von dem Zimmer erzählte, glaubte ich ihr nicht. Bis ich sie in der anderen Stadt besuchte. M nutzt den Raum als Rückzugszone.

Meine Klassenkollegen sahen gar nicht glücklich drein, als ich ihnen die Geschichte zu Ende erzählt hatte. Eher im Gegenteil. Vor ein paar Tagen kam dann ein Mail. Ob wir uns nicht alle zusammensetzen könnten. Um unser Wissen über Kurvendiskussionen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ein bisserl aufzufrischen. Man könne ja wirklich nie wissen.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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