Familienzusammenführung

2. März 2003, 23:11
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Lessings "Nathan der Weise" am Grazer Schauspielhaus

Graz - Als Erstes muss gesagt sein, Otto David ist ein großartiger Nathan. Die Leichtigkeit, an der es der Inszenierung von Thomas Reichert ansonsten mangelt - in der Figur des lebhaften alten Mannes bringt David sie ans Licht. Sein Nathan der Weise hat schmerzhafteste Erfahrungen gemacht und dennoch eine verschmitzte Jugendlichkeit aufzubieten. Ein unabhängiger Geschäftsmann ist er sowieso.

Reichert interpretiert den (nicht mehr) allzu bekannten Klassiker von Gotthold Ephraim Lessing (uraufgeführt 1783 in Berlin) originalgetreu als "ernste Komödie", bringt mit dem wandlungsfähigen Daniel Doujenis als Derwisch auch die Lacher auf seine Seite, kapituliert aber vor der innigen Freude, die Vernunft und Toleranz im Aufklärungsdrama bescheren sollten.

Es ist kein Zufall, dass genau die befreienden Wendungen zu unvorhergesehenen Freundschaften papieren und unglaubwürdig geraten. Vieles bleibt ein Wort an der - arg strapazierten - Rampe. Die Toten des allgegenwärtigen Krieges bremsen diese spröde Familienzusammenführung. Lessings pädagogischer Eifer verläuft - durch einen Tasso-Prolog erweitert - grüblerisch und unentschlossen.

Einer billigen Aktualisierung widerstand Thomas Reichert, sein Handlungsort ist nicht das umkämpfte Jerusalem (ein öder Einheitsbühnenraum in Schwarz-Rot-Gelb), sondern zuallererst die Sprache. (frak- / DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2002)

Schauspielhaus,
8010 Graz,
Hofgasse 11,
(0316) 80 08,
wieder am Mi,
8. 1. 2003,
19.30
  • Im Theatertableau: Martin Bretschneider (li.) als Tempelherr und Retter und schließlich auch noch Bruder von Recha, Nathans (Otto David) Adoptivtochter
    foto: peter manninger

    Im Theatertableau: Martin Bretschneider (li.) als Tempelherr und Retter und schließlich auch noch Bruder von Recha, Nathans (Otto David) Adoptivtochter

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