Mit Kanon auf Spitzen schließen

27. Dezember 2002, 20:58
1 Posting

Der Schrecken einer Jahrhundertbücher- Liste, diesmal aus Paris und von Frédéric Beigbeder

Gerade während Definitionsmächtige dort und da eine "Furie des Verschwindens" als Merkmal heutiger Kulturlosigkeit beklagen, wird so viel für Museen, Archive, Ausstellungen, Künstlerehrungen getan wie kaum je zuvor. Ausgerechnet seitdem man den Schrecken, wenn nicht gar die Barbarei eines kanonlosen Interregnums regelmäßig ausposaunt, haben Leselisten Hochkonjunktur. Dabei leisten die Kritiker einer oberflächlichen Beschleunigungskultur ebendieser Akzeleration Vorschub, wenn sie flott ihre engen Listen mit den 50 Titeln vorlegen, die als "gültig" zu gelten hätten.

Eine Gültigkeit bestätigen die Meinungsbildner damit freilich in erster Linie sich selbst, wobei sie die - soziologisch interessanten - Kanonmechanismen im Hintergrund verschleiern und Geschmacksfragen als Urteil eines Weltgeistes ausgeben.

Nach der 'Zeit', nach 'Profil', nach den Herrschaften Reich-Ranicki und Schwanitz erreicht uns ein weiteres abschreckendes Beispiel, diesmal aus Frankreich, wo Frédéric Beigbeder vor etwas mehr als einem Jahr seine Fernsehplauderei über "die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts" auch noch in die Buchhandlungen gebracht hat. Nun ist diese durchgehende Plumpheit, adäquat übersetzt, auf Deutsch erschienen. Darüber müsste man weiter kein Wort verlieren, wenn es nicht ein bezeichnender Auswuchs einer Machtstrategie, des Fassadenschwindels auf dem kulturellen Feld wäre.

Mit dem mühsamen Roman '39,90' hat Beigbeder auch auf Deutsch einen Bestseller gelandet, und seither gibt er weit verbreitet die Rolle des Enfant terrible. Dieser vorgebliche "Salonrebell" hat allerdings eine nicht unbedeutende Ecke des Pariser Salons gepachtet, von der aus er sich maßgeblich als Förderer seines Freundes Houellebecq und seiner selbst betätigt: als Rezensent für den 'Figaro littéraire' und die Frauenzeitschrift 'Elle', für das populäre Literaturmagazin 'Lire', die Radiosendung "Le Masque et la Plume", den TV-Sender 'Paris Première' und jüngst auch als Moderator einer "Hyper show" bei 'Canal+'. Zur Präsentation seines Kanonbüchleins saß er im Juni 2001 bei der berühmtesten Kulturfernsehsendung mit dem vorgeblichen "Salonrebellen" Philippe Sollers, der 'Le Monde littéraire' beherrscht; und alle waren sich über ihre bündigen Urteile, insbesondere über ihr gegenseitiges Wohlgefallen, völlig einig.

'Letzte Inventur vor dem Ausverkauf' nennt Beigbeder sein jeweils zweiseitiges Geschwätz mit (Eigen-) Reklame- Einschaltungen über Literatur, "die das Jahrhundert geprägt" habe. Die Liste sei "demokratisch", betont er eine wesentliche Diskursfassade, denn sie basiere auf einer französischen Meinungsumfrage; seine eigene - in der Houellebecq und Sollers stehen - solle "Gegenstand eines späteren Bandes sein", lässt das Vorwort befürchten.

In der letzten Inventur vor der allerletzten findet sich naturgemäß die Grande Nation gehörig repräsentiert; und das Bändchen liefert zahlreiche Anspielungen, die außerhalb Frankreichs kaum verständlich sind: ein demokratischer Zentralismus.

Von den 50 Werken stammen 25 aus französischer Feder, elf aus der englisch-amerikanischen Literatur (darunter Vom Winde verweht), drei aus Italien. Allesamt jedenfalls aus Europa und den USA, bis auf 'Hundert Jahre Einsamkeit' (1967), zudem das einzige Buch auf Spanisch. Portugiesisch etwa existiert nicht, kein Pessoa, kein Euclides da Cunha, von "Exotischem" gar nicht zu reden. Vier Werke in deutscher Sprache hat Beigbeder bedacht - der Bernhard-Sakralgemeinde sei's gleich verkündet: Der Heilige Thomas ist nicht dabei, wohl aber Stefan Zweig.

Was der Kanoniker über die Literatur zu sagen hat, von Camus (Nr. 1) und Proust über Sartre und Prévert bis zu Bernanos und Breton (Nr. 50), geht über Banalitäten nicht hinaus, die mit mühsamen Selbstironisierungen versehen sind: "Nummer 17 bin immer noch nicht ich, aber das ist mir egal. Ich werde meinen Kummer im Alkohol ertränken."

Das ist eine geschickte Überleitung zu 'Alcools', der Gedichtsammlung von Guillaume Apollinaire. Kafka tritt als "Synonym für Angst vor Bürokratentum, für tschechische Absurdität und Expressionismus in Schwarzweiß" auf; die Handlung des 'Zauberbergs' erinnere an jene von 'Der Tod in Venedig'. Genau nimmt es der Pariser Salon-Überflieger bei seinen literarischen Sturzflügen im Zuschauerraum sowieso nicht: Im 18. Jahrhundert, behauptet er, "gab es die Märchen der Brüder Grimm"; Grass, dessen 'Blechtrommel' 1959 erschien, habe dem Autor von 'Hundert Jahre Einsamkeit' "alles zu verdanken".

Wenn Beigbeder oft ausführlicher von den Lebensumständen der Autoren - etwa von Scott Fitzgeralds Räuschen - berichtet als von den Texten, dann bedient er sich jener Maschinerie, die er für den "Ausverkauf" verantwortlich macht. Während er sich gegen die heutige "Spaßkultur" wendet, schreibt er selbst wie ein müdes Gaudewipferl. Dauernd knallt jemand durch, wird irgendwer angebaggert, und Stefan Zweig ist als "sensibler Junge" charakterisiert, den "die Arbeiten seines Kumpels Sigmund Freud beeinflusst" haben.

Kein Wunder, dass Beigbeder angesichts der eigenen Hervorbringungen latent kulturpessimistisch werden und auch das Französische demnächst - "von der Bildfläche" verschwinden sehen muss. Die "Furie des Verschwindens" lässt sich eher auf jene Mystifikationen beziehen, die den Tod des Autors, das Ende der Großen Erzählung oder gar der Geschichte ausrufen. Im Hintergrund steht dabei nicht zuletzt das Streben nach Diskursmacht und vor allem die Selbstgefälligkeit derjenigen, die sich als Höhepunkt kultureller Entwicklung gefeiert sehen möchten: Nach ihnen geht's nur mehr bergab.

Sollte "das Buch" vom Ausverkauf, vom Tode bedroht sein, dann wegen solcher Produkte wie dieser Beigbederschen Inventur. (DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.12.2002)

Von Klaus Zeyringer
  • Frédéric BeigbederLetzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts. 
EURO 17,40164 Seiten Rowohlt, Reinbek 2002.
    grafik: rowohlt

    Frédéric Beigbeder
    Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts.
    EURO 17,40
    164 Seiten
    Rowohlt, Reinbek 2002.

Share if you care.