Problem mit der Einmaligkeit

30. Dezember 2002, 11:51
28 Postings

"Wer bin ich?" - "Woher komme ich?" - Neben körperlichen Fehlbildungen könnte ein Klonmensch auch seelische Probleme bekommen

Hamburg - Neben körperlichen Fehlbildungen könnte ein Klonmensch nach Ansicht von Psychologen auch seelische Probleme bekommen. "Das, was einen Menschen ausmacht, ist seine Einmaligkeit - die hat ein Klon nicht", sagte die deutsche Diplom-Psychologin Hildegard Belardi aus Bergisch-Gladbach am Freitag. Für jeden Menschen sei es von zentraler Wichtigkeit, sich seiner Einzigartigkeit bewusst zu sein. Gerade einander sehr ähnliche Personen wie eineiige Zwillinge versuchten, ihre Abtrennung von einander deutlich zu machen. "Gelingt das nicht, entstehen Identitätsprobleme."

Der Blick auf seinen genetisch identischen Elternteil kann für einen Klon zudem wie der Blick in eine Glaskugel sein, die das eigene Ich in einigen Jahrzehnten zeigt. "Bei eineiigen Zwillingen hat man erhebliche Übereinstimmungen im Lebenslauf gefunden, auch wenn sie getrennt aufwuchsen", erklärte Belardi. Dies betreffe neben charakterlichen Eigenschaften auch Begabungen, Vorzüge bei der Partnerwahl - und Krankheiten. "Ist ein Zwilling depressiv, wird es der andere mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit auch", nannte der Psychologe Reinhard Tausch, emmeritierter Professor an der Universität Hamburg, ein Beispiel.

Grundfragen der Existenz

Psychisch problematisch sei auch die technische Herkunft eines Klons. "Wer bin ich, woher komme ich? - das sind Grundfragen der Existenz", sagte Belardi. Schon Fortpflanzungsmethoden wie die künstliche Besamung oder Leihmutterschaften seien für die daraus hervorgehenden Kinder häufig psychisch schwer zu verarbeiten. Mit Grübeleien über ihre Herkunft belastete Menschen seien oft unsicher und unglücklich. "Ich prognostiziere, dass ein Klonkind psychisch nicht so gut in die Welt eingebettet sein wird wie normal gezeugte."

Dass ein Klonmensch zwangsläufig seelisch erkranken müsse, glaubt Tausch nicht. "Menschen akzeptieren vieles, was eben nicht zu ändern ist", sagte er. Auch adoptierte Kinder nähmen ihre Herkunft in vielen Fällen ohne psychische Probleme hin. "Außerdem kann sich auch ein Klon als eigene Identität erfahren. Die Entwicklung eines Menschen wird ja ganz erheblich von Umwelteinflüssen geprägt - und die verändern sich rasant." Entscheidend für den Lebensweg sei die in der Kindheit erfahrene Liebe und Betreuung. "Wenn es da große Unterschiede gibt, ist es gar nicht gesagt, dass das Kind genauso wird wie sein erwachsenes Ebenbild", erklärte Tausch.

Aus psychologischer Sicht sei weniger das Schicksal des Kindes, als vielmehr die Mentalität des Geklonten fragwürdig. "Das muss ein Mensch sein, der sich selbst sehr hoch einschätzt - überschätzt", so Tausch. Hinzu komme der weltfremde Anspruch, in einem anderen Menschen weiterleben zu wollen. "Außerdem besteht absolut keine Notwendigkeit für das reproduktive Klonen, solange täglich 20.000 Kinder an Hunger oder Arzneimangel sterben", kritisierte Tausch. "Den Kindern, die wir haben, sollte es erst einmal besser gehen." (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.