Unerträgliches vom Kleiderbügel

27. Dezember 2002, 12:06
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Zeit und Kraft, die wir an ihn verschwenden, hängen uns nach, ohne dass wir es merken. Der Kleiderbügel macht uns das Leben jedenfalls nicht leichter sondern höchstens faltenfreier. Aber wozu? Und unter welch qualvollen Umständen? Hier eine Abrechnung.

Das sind genau die Dinge, mit denen man sich ein halbes Leben lang nicht beschäftigt hat, und jetzt, im Alter für Fortgeschrittene, wundert man sich, warum man so leicht reizbar, so launisch, so empfindlich geworden ist. Und man kommt nicht auf die Idee, dass dies ursächlich etwas mit scheinbar belanglos herumhängenden Dingen wie Kleiderbügeln zu tun haben könnte.

Haben wir je "Ja" zum Kleiderbügel gesagt? - Nein. (Wurden wir überhaupt gefragt? - Nein.) Haben wir uns jemals überlegt, von welch reaktionärer Gesinnung er getragen ist? - Er ist Bote einer militanten Ordnung, Verfechter von Reih' und Glied, Philosoph der steifen Gangart, Krücke der Zivilisation, die uns von klein auf zwingt, Falten zu verhindern: Lachfalten in der Kirche, Eckfalten im Schulheft, Hautfalten im Gesicht, Stofffalten über dem Körper. "Häng die Jacke auf!" "Häng die Hose auf!" "Häng den Mantel auf!" "Nimm gefälligst den Kleiderbügel!" - Unschöne Lieder aus der Kindheit. Irgendwann haben wir resigniert, sind alt geworden und haben mitgesungen. Bug an Bug, Naht an Naht, . . . Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Den gewerbsmäßigen Diebstahl mehrerer Sekunden täglichen Schlafes können wir ihm gerade noch nachsehen. Auch beim Gewand-ins-Eck-Werfen lassen wir ja schließlich Zeit liegen. (Jene Zeit, die wir später aufwänden, um das Gewand aufzuheben und zu identifizieren.) Unverzeihlich aber ist seine eigene organisatorische und technologische Unzulänglichkeit, mit der er uns täglich mindestens zweimal zur Ordnung ruft.

1.) Es gibt nie genügend Kleiderbügel. Das zwingt uns, Hemden schichtweise übereinander zu hängen. Die inneren verschwinden für immer, nur die äußerste Schale hat Chancen, wieder erwählt zu werden. Allerdings streifen wir dabei auch die darunter befindlichen Hemden ab - und dürfen sie einzeln wieder aufhängen.

2.) Wir haben prinzipiell die falschen Kleiderbügel in der Hand, denn die richtigen sind bereits behangen. Wollen wir traurige Hosen aufhängen (traurige Hosen sind solche, die auf traurige Gestalten wie Kleiderbügel angewiesen sind, weil sie sonst in sich zusammensacken würden), wollen wir sie also aufhängen, so fehlt uns garantiert die dritte Seite, der entscheidende Querbalken des gleichschenkeligen Dreiecks. Wollen wir ein zartes Sommerhemdchen in Stellung bringen, dann stoßen wir auf den unangemessen dicken Holztriangel, das Stück, welches eigentlich schwere Lodenmäntel in die Garderobe wuchten sollte. Und umgekehrt: Als Abnehmer für unsere behäbige Wintergarderobe stehen uns zumeist nur kurzarmige dünne Plastikbügel zur Verfügung. Das kann zu folgender psychischen Ausnahmesituation führen:
3.) Beim Versuch, ein Kleidungsstück aus schwerem Stoff auf einen schmächtigen Bügel zu hängen, bricht dieser in zwei Teile. Was soll aus solchen Tagen (oder Nächten) werden? Was ist das überhaupt für ein Leben?
4.) Wir haben ausnahmsweise genügend Kleiderbügel zur Verfügung. Aber die Garderobe fehlt. Oder sie geht bereits über. Wir behängen Türen, Fenster und Schlüsselköpfe von Schränken und Kästen mit frisch gebügeltem Gewand. Der Anblick macht uns depressiv. Wozu wohnen wir eigentlich?
5.) Wir verreisen und nehmen natürlich keine Kleiderbügel mit. Im Hotel unseres Ankunftsortes gibt es ebenfalls keine.
6.) Wir verreisen und nehmen diesmal Kleiderbügel mit. (Um Platz im Koffer zu sparen, lassen wir das Gewand daheim.) Im Hotel unseres Ankunftsortes gibt es ebenfalls Kleiderbügel.
7.) Wir fahren auf einen geschäftlichen und somit anzugpflichtigen Antikur-Aufenthalt. Wir behängen die hinteren Autoscheiben mit beladenen Kleiderbügel. Nach der ersten nennenswerten Bremsung liegt ein Anzug auf dem Boden. Wozu das Ganze? Wozu Anzüge? Wozu Bügelfalten? Wozu Termine dieser Art?
8.) Wir gehen vom Auto ins Hotelzimmer. In der linken Hand die Reisetasche, in der rechten der Anzug mit Kleiderbügel. Langsam und unauffällig rutscht die Hose unter dem Sakko vom Bügel. Im Zimmer erst bemerken wir, dass etwas Faltenfreies fehlt. Wir gehen der Sache nach und entdecken die Hose draußen im Dreck. Wir lassen uns an der Rezeption zum Chef unserer Firma verbinden. Wir kündigen. Wir wandern aus. Wir nehmen nur Geld, Pass und drei Garnituren Jogginganzüge mit. Wir streichen den Kleiderbügel für immer aus unserem Gedächtnis . . .

Aber ein Mal, ja ein Mal, nur ein einziges Mal, hat ein Kleiderbügel mein Leben bereichert. Diese Geschichte erzähle ich ihnen gerne zum Abschluss. Das war, als mein erstes Auto, ein VW-1600, gebrechlich wie immer da stand, zur Fahrt in die nächste Werkstatt bereit, aber ich konnte nicht einsteigen, da sich die Türen nicht öffneten, da sie versperrt waren, da sich der einzige Schlüssel, den ich besaß, im Wageninneren aufhielt, wo er steckte. Damals riet mir Willi (oder war es Hans?), die es immer gut mit mir und meinen Autowracks meinten: "Hol ein Stemmeisen und einen Kleiderbügel!" Das klang unlogisch, aber es gefiel mir. Willi (oder Hans) meinte natürlich den Klassiker des Kleiderbügels, dieses silbergraue Drahtgestänge, das sie einem in den Putzereien noch immer meterweise nachwerfen, je umschleiert mit feinem Nylon, und unten lugt das unverschämt teuer geputzte Stoffgut hervor, als wäre Hochzeit jeden Tag.

Ich holte also von daheim das Stemmeisen und einen solchen Kleiderbügel. Willi (oder Hans) würgte ihn an einer Ecke, bog ihn zu einer Karikatur eines durchlässigen Golfschlägers. Ich stemmte, ungeachtet des so entstehenden Blechschadens, die Seitentür des Wagens auf. Willi (oder Hans) fuhr mit dem geknechteten Drahtgestell in den Spalt hinein, umschlang damit den schwarzen Türknopf und gab dem Hebel schließlich die entscheidende Wirkung. Der Knopf sprang hoch, die Tür ließ sich öffnen. Der entfremdete Kleiderbügel war der Held. Wir feierten ihn bis in die Morgenstunden. Auch Hans (oder Willi) kam dann noch dazu.

So sinnvoll konnte ein Kleiderbügel sein, wenn er wollte. Aber er wollte nicht, und er will noch immer nicht. Das wird sich einmal rächen. (Im Übrigen bin ich der Meinung, wir sollten seltener Anzüge tragen. Wir wollen ihnen doch nicht den Kleiderbügel ersetzen.) (DER STANDARD/rondo/Daniel Glattauer/27/12/02)

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