Leber und Leber lassen

27. Dezember 2002, 12:39
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Wenn man dringend wissen will, was die Zukunft für einen bereit hält, darf man nicht an der Oberfläche des etwaigen Opfertieres verharren, sondern muss in die Tiefe gehen

In seiner "Geschichte der Zukunft" differenziert der französische Historiker Georges Minois zwischen fünf Epochen, die jeweils durch eine bestimmte Zukunftsschau dominiert und von ihr gekennzeichnet wären: das Zeitalter der Orakel, der Prophezeiung, der Astrologie, der Utopien und der wissenschaftlichen Vorhersagen. Allerdings sind diese fünf Formen von Zukunftsvorhersage zeitlich nicht starr fixiert zu verstehen. Die Vorherrschaft der Orakel in frühen Kulturen und auch in der Antike bedeutet für ihn nicht, dass diese Praktiken der Zukunftsvorhersage im weiteren Verlauf der Geschichte verschwinden.

In unserer verwissenschaftlichten postwissenschaftlichen Gegenwart scheint überhaupt, nach dem Abgang der beiden abendländischen Hauptformen der Prophezeiung (via Christentum) und wissenschaftlichen Vorhersage (vide: historischer Materialismus), ein Wildwuchs an privatim zurecht gezimmerten Weisen der Weltsicht mit dazugehörig breit gestreuter "Mantik" (der Kunst, Kommendes vorherzusagen) vorzuherrschen. Bei all den trendigen Methoden besagter Mantik - sie reichen von der Sterndeuterei über den Gebrauch der Wünschelrute bis hin zur Axinomantie (die Deutung mittels einer locker gehaltenen Axt) -, die uns die Prediger von New Age lebensweltlich nahe legen wollen, bleibt eine allerdings geradezu stiefmütterlich vernachlässigt.

Es ist jene, die eigentlich die am nächsten liegende wäre und die zudem über eine durchaus beeindruckende Geschichte verfügt - etwas prosaisch formuliert, die Vorhersage der Zukunft mittels Essbarem. Gewiss, das Lesen aus dem Kaffeesatz mag wohl eine nette esoterische Praxis sein, was aber ist aus der Fähigkeit, aus den Eingeweiden zu lesen, geworden? Es sind die so genannten "fremden Kulturen", die hier herhalten müssen. In Indonesien werden z. B. Eingeweide von Tieren inspiziert, um anhand des Verlaufs von Fettsträngen und Blutgefäßen die nähere Zukunft zu erfragen.

Hören wir von "Leberschau", so denken wir an den längst fälligen Besuch beim Internisten, versprechen einander hoch und heilig, in Hinkunft vom Roten, vom Weißen und vor allem vom Gebrannten nur mehr in Maßen zu uns zu nehmen. Die Konnotation, die uns zur "Prognose" hier einfällt, ist jene, dass die des Arztes eine ermutigende sein möge.

Dabei ist gerade besagte Leberschau eine seherische Übung, die in diversen alten Kulturen, auf die wir uns bildungsbürgerlich gerne beziehen (bei den Mesopotamiern, den Griechen und den Etruskern), gepflegt wurde. Natürlich war sie - als sakraler Akt - Element eines komplexen Rituals, das in etwa so verlief: Der Opferschaupriester begann die Leberschau mit dem linken Leberlappen des Opferlamms, wo sich eine natürliche, augenlidförmige Furche befindet. Durch diese konnte der Blick der Gottheit, nachdem der Priester im Opferschaugebet darum gebeten hatte, in die Leber eindringen. Die Gottheit war nun in der Leber gegenwärtig und blickte durch die Furche auf den Seher. "Die Leber hat einen Blick", hieß es in diesem Falle, hatte sie keinen, da die Gottheit nicht in ihr präsent war, gab's auch keine Prognose.

Wenn es zu einer kam, so konnte diese durchaus widersprüchlich sein, sie hatte aber immerhin eine Grundtendenz, die in den tradierten Texten als Ergebnis so festgehalten wurde: "Das Fleisch ist ungünstig" oder "Das Fleisch sagt nicht zu".

Vorzuschlagen wäre, dass wir - dessen eingedenk - beim nächsten Besuch bei unserem Fleischhauer bzw. Stammwirten mit obigen Formulierungen behutsam umgehen. Wer weiß, vielleicht verbirgt sich hinter der blutig-weißen Schürze und dem abgetragenen schwarzen Anzug ein inkarnierter Mesopotamier, der von uns die Zukunft erfragen will. Und in diesem Falle sag ich nur: Frage nicht!(DER STANDARD/rondo/Erwin Stoss/27/12/02)

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