Fürs Öl führt man keinen Krieg

26. Dezember 2002, 19:26
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Bei einem US-Angriff auf den Irak spielen Energieinteressen bloß eine Nebenrolle - Ein Kommentar von Eric Frey

"Sie tun es ja nur wegen des Öls", lautet ein viel benutztes Argument gegen einen US-Angriff auf den Irak. Demnach ist die gesamte Weltpolitik von Ölinteressen bestimmt: Die Abhängigkeit des Westens vom billigen Erdöl macht Pipelines durch Zentralasien und einen direkten Zugriff auf die irakischen Ölvorräte erforderlich, und das erklärt die US-Militärpolitik. Doch all diese Theorien halten einer Prüfung nicht stand.

Die Bedeutung des Öls im 20. Jahrhundert ist unbestritten. Das schwarze Gold ermöglichte Massenindustrialisierung und Motorisierung, und der wichtigste wirtschaftliche Wendepunkt der Nachkriegsära war der Ölschock von 1973/74. Doch weder die beiden Weltkriege noch Korea- und Vietnamkrieg wurden wegen Öls geführt. Und die Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum wie Deutschland, Japan und Südkorea waren erdöllos.

Selbst im ewigen Krisenherd Nahost dreht sich nicht alles ums Öl - etwa der israelisch-arabische Konflikt. Das Engagement der USA im Nahen Osten wird weit mehr von der Freundschaft mit Israel getrieben - dessen Verteidigung praktisch die gesamte politische Elite als strategischen und moralischen Auftrag betrachtet - als vom Ölreichtum der Region. Und seit dem 11. September 2001 wird die US-Politik in der Region weit mehr durch die terroristische Bedrohung der Al-Qa'ida bestimmt als von Ölinteressen.

Wer Erdöl braucht, zettelt keinen Krieg an, sondern kauft es am Weltmarkt, wo Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Selbst im ersten Golfkrieg 1991 war Öl daher nur ein zweitrangiges Motiv. Die Ölversorgung der westlichen Welt stand durch den irakischen Einmarsch in Kuwait nicht auf dem Spiel, denn Saddam hätte weiterhin sein Öl zum höchstmöglichen Preis verkauft. Der Kriegsgrund war der eklatante Verstoß gegen das Völkerrecht und die Sorge, dass der Irak mithilfe kuwaitischer Öleinnahmen zur Supermacht des Nahen Ostens mit unbeschränktem Aggressionspotenzial aufsteigen könnte. Dass die USA auch intervenieren, wo es kein Öl gibt, haben sie in Bosnien und im Kosovo ausreichend bewiesen.

Auch für die heutigen US-Kriegspläne bietet Öl keine gute Erklärung. Die gewaltigen irakischen Erdölreserven könnten sich in 40 Jahren, wenn anderswo die Quellen versiegen, als attraktiv erweisen. Doch selbst die verwegensten Strategen im Pentagon glauben nicht daran, dass sie ein US-freundliches Regime in Bagdad auf Generationen sichern können. Kurzfristig würde ein Irak-Krieg den Ölpreis in die Höhe treiben, mittelfristig den Preis höchstens um ein paar Dollar je Fass senken. Dafür einen teuren und verlustreichen Krieg zu führen macht keinen Sinn.

Ähnlich abstrus ist das Argument, dass George Bush und sein Vize Dick Cheney den Krieg ihren Freunden in der Ölindustrie zuliebe anzetteln. Die Öllobby mag die katastrophale US-Umweltpolitik diktieren - das Nein zum Kioto-Abkommen und die Freigabe von Ölbohrungen in der Wildnis Alaskas. Ihr Interesse an einem Irak-Krieg ist hingegen begrenzt. Wenn die USA zuschlagen, dann aus - wohl auch fragwürdigen - Gründen der nationalen Sicherheit.

Ebenso überschätzt wird von Anhängern der Pop-Geopolitik die Bedeutung von Pipelines - bis hin zur Behauptung, dass der US-Krieg in Afghanistan oder Moskaus Vorgehen in Tschetschenien vor allem der Sicherung von Ölleitungen diente.

Im 21. Jahrhundert ist der Ölpreis auch für die Wirtschaft nicht mehr so wichtig wie einst. Zwar dämpft ein sinkender Preis die Inflation und schafft Raum für niedrigere Zinsen, während ein Anstieg das Wachstum bremst. Aber andere ökonomische Faktoren stellen Ölpreisschwankungen in den Schatten - und zunehmend bestimmt die Konjunktur den Ölpreis, nicht umgekehrt.

Als wichtigste Energiequelle bleibt Öl ein zentraler Faktor unseres Lebens. Ein Preisanstieg an der Tankstelle ist für viele ärgerlich, doch keine Existenzfrage. Das Gleiche gilt für die Weltpolitik.

(DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2002)

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    foto: reueters/ faleh kheiber
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