Letzte Ausfahrt: Mühlviertel

26. Dezember 2002, 18:48
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Eine Alternative zu "Wellness, Masken und Massagen nach Maß" in der 53. Unglaubwürdigen Reise

Im Zug von Oberösterreich zurück über Salzburg nach Wien fand ich in dem Taschenbuchband Mein Weg über die Pyrenäen von Lisa Fittko den Vers eines kleinen Liedes: "Oh ma chérie, dass ich die lieb' ist klar wie nie." Der Anlass für dieses Lied im Auffanglager Marseille von 1940 war unfeierlich: Eine Frau aus der Bretagne sang es, während sie fünf fremde kleine Kinder - alle längst über das früheste Stadium, in dem sie gerne adoptiert werden, hinaus - zu versorgen suchte. Die Reise endete nicht nur für die meisten dieser Kleinen bald und ohne Hoffnung.

Der Gedanke an sie ging mir nicht aus dem Kopf, als ich die Nachrichten im Reiseblatt Eurocity Nr. 6, 2002 las: "Neue Eiszeit in Wien" berichtete es (meinte damit aber nicht den Wahlausgang), während man durch die Zugfenster kurz vor der Dunkelheit die grünen Wiesen eben noch erkennen konnte. "Wellness, Masken und Massagen nach Maß" versprach Eurocity gleich danach.

Wem dies alles zu viel wird, wer nach einer anderen Form der Wellness sucht, könnte es mit dem Mühlviertel versuchen, das so kurz nach den vielen Weihnachts- und Nachweihnachtsfesten, Besinnungs- und Zerstreuungsabenden und Meditationsversuchen wieder eine Ruhe verspricht, die mit der Hektik der "stillsten Zeit" wenig zu tun hat. Es liegt, trotz der holprigen Bahnverbindung, auch näher als die Karibik, die als Weihnachtsreiseziel bekannter ist und bleibt.

Wer das Mühlviertel kennt (mein Vater hatte mich dort, in den Winterferien der Schulzeit, immer in einem Altersheim untergebracht), weiß, dass es mit Après-Ski-Vergnügen wenig zu tun hat und ungefähr so aufputschend ist wie ein zu schwacher Tee am späten Morgen. Das Mühlviertel - damals, um 1935, noch lange nicht von Föhnwellen und Wärmeeinbrüchen heimgesucht -, half trotzdem. Auch meinem Vater, als er, der alle Strecken zu Fuß ging, zu seinem letzten Weg aufbrach, nach Linz, zu einem Besuch an Stifters Grab. Neben dem Friedhof stand der "Gasthof zur Ewigen Ruh", wo er, vom Mühlviertel kommend, gerne einkehrte, und schon lange liegt mein Vater auf diesem Friedhof:

Als er sich in seiner Pension in Hadersdorf bei Wien schlecht fühlte, brach er auf und ging, nach einer Venenentzündung schlecht versorgt, zu Fuß nach Linz. Ziel wäre das Mühlviertel gewesen, aber es wurde nicht erreicht, weil ein endgültiges Ziel näher gerückt war: Im "Café Goethe", seinem Lieblingslokal, brach er zusammen und starb nach acht Tagen im Linzer Landeskrankenhaus.

Dieser Fußweg von Wien nach Linz kann nur ein Beispiel einer unglaubwürdigen Reise sein, die ihr Ziel erreicht und zuletzt den Reisenden befreit, eine Reise, die ihn dorthin brachte, wo er hinwollte, selbst wenn es ihm nicht mehr gelang, davon zu erzählen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2002)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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