"Kurzfristiges Denken ist verlegerischer Schwachsinn"

26. Dezember 2002, 19:01
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Jörg Bong, der neue junge Verlagsleiter des S. Fischer Verlags (Schnitzler, Kafka, Freud ...) im Interview

Mit einem jungen Verlagsleiter und traditionellen Konzepten geht der S. Fischer Verlag in die Zukunft. Seit wenigen Wochen leitet der 37-jährige Jörg Bong den Verlag von Arthur Schnitzler, Franz Kafka und Sigmund Freud. Mit Jörg Bong sprach Cornelia Niedermeier.


Frankfurt/Main - Schritt für Schritt vollzieht sich ein Generationenwechsel innerhalb der großen deutschen Literaturverlage. Bei Suhrkamp übernahm Günter Berg die Geschäftsleitung von Siegfried Unseld. Klaus Wagenbach übergab die Leitung in die Hände von Frau und Tochter.

Und auch der ehrwürdige S. Fischer Verlag überraschte vor wenigen Wochen mit der Bekanntgabe einer neuen Geschäftsführung. Am 1. Oktober übernahm der erst 37-jährige Jörg Bong die Programmverantwortung aus den Händen der Verlegerin Monika Schoeller, die sich künftig ganz auf die Gründung einer hauseigenen Stiftung konzentrieren will.

Zuvor hatte Bong drei Jahre lang das Programm der deutschsprachigen Literatur verantwortet - und mitgewirkt, den noch vor drei Jahren als schwer defizitär geltenden S. Fischer Verlag zurückzuführen in den Bereich der schwarzen Zahl. Auf einem Weg fernab hektisch propagierter Bestsellerhysterie. Und der Krise zum Trotz.

STANDARD: Herr Bong, Sie sind 37 Jahre jung und übernehmen einen der wichtigsten deutschen Literaturverlage im Moment der größten Krise des Buchhandels seit Jahrzehnten. Ist Ihnen nicht etwas mulmig zumute?

Bong: Nein, überhaupt nicht. Außerdem macht sich die Krise in einem Programmverlag wie S. Fischer nicht so stark bemerkbar. Wir werden 2002 ein Ergebnis haben, das sogar leicht über dem Umsatz des Vorjahrs liegt.

Im Moment stellt sich relativ klar heraus, dass alles, was beliebig erscheint, sich in Krisenzeiten schwer verkauft. Klar profilierte Programme und Autoren aber haben ihre Leser. Wer sie bisher mochte, kauft sie auch jetzt. Etwa Monika Maron, Robert Gernhardt, den wir neu gewonnen haben, oder Wolfgang Hilbig.

STANDARD: Sie gelten als Verfechter der alten Schule des Verlegens. In den letzten Jahren war jedoch vermehrt davon die Rede, auch Verlage müssten 15-prozentige Gewinnmargen erwirtschaften, Autoren würden nach ihrem "Verkaufswert" evaluiert. Auch S. Fischer gehört seit knapp dreißig Jahren zu einem großen Konzern, der Holtzbrinck-Gruppe, und wurde vor zwei Jahren von McKinsey durchforstet. Stehen Sie heute unter dem Diktat der Profitmaximierung?

Bong: Nein, überhaupt nicht. Zumindest nicht unmittelbar. S. Fischer als altes großes literarisches Haus muss sich, auch was die Ökonomie des Buchmachens, des Verlegens anbelangt, ganz eigensinnig verhalten. Die Ökonomie des Verlagswesens funktioniert nicht wie die beliebig anderer Produkte. Das Verlegen von Literatur muss man langfristig sehen. Das ist ein altes Prinzip. Und eines der wichtigsten des Verlegens.

STANDARD: Also Vertrauen in einen Autor statt der zuletzt propagierten, teuren Einkäufe von Bestsellerautoren?

Bong: Ökonomisch erfolgreich sind die Verlage, die nach diesem alten Prinzip verfahren. Die sich in erahnte Möglichkeiten versteigen, in Autoren, in Themen und sich sehr dezidiert für diese einsetzen - über einen langen Zeitraum hinweg.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist etwa Wolfgang Hilbig, der unlängst den Georg-Büchner-Preis erhalten hat. Bis vor sechs Jahren war er hoch reputiert, aber mit kleinen Auflagen. Dann kam "Ich". Mit deutlich über 20.000 Büchern. Das war der kommerzielle Durchbruch. Später Das Provisorium mit 60.000 Büchern. Oder J. M. Coetzee, der südafrikanische Autor. Wir haben ihn anfangs mit Auflagen von 2000 bis 3000 Büchern verlegt. Dann kam Schande und es waren 60.000. Das meine ich. Wenn Sie diese Autoren nun nach einem Buch oder nach zweien evaluiert hätten, wie das dann so schön oder so hässlich heißt, hätten Sie beide sofort aus dem Programm genommen. Das ist verhängnisvoller Schwachsinn - und das Gegenteil von dem, wie ein literarischer Verlag funktioniert.

STANDARD: Holtzbrinck hat die Verlagsgruppe um den S. Fischer Verlag unlängst umorganisiert, ihr etwa den Schweizer Krimiverlag Scherz zugeordnet. Ist Literatur allein ein Luxus, und braucht S. Fischer die finanzielle Unterstützung durch andere, ihm zugeordnete Verlage des Holtzbrinck-Konzerns?

Bong: S. Fischer vermag sich allein zu tragen - das Fischer Taschenbuch allerdings mitgerechnet. Das gehört in der S.-Fischer-Logik zusammen. Natürlich macht Unterhaltung, wie die Krimis bei Scherz, mehr Umsatz. Aber es ist falsch zu denken, dass wir eine kleine Insel der Narren wären, die feine großartige Bücher machen, aber dabei unwirtschaftlich sind. Wir sind autark. Dieser Anspruch ist eine Voraussetzung. Wir finanzieren uns durch unsere starke Backlist und eine sehr reflektierten Arbeit, die stark auf die Breite wirkt. Wir haben sehr viele Titel, die sich zwischen 10.000- und 15.000-mal verkaufen.

STANDARD: Womit sich Qualität tatsächlich als ökonomischer Faktor erweist ...

Bong: Ja. Definitiv. Schließlich muss auch ein literarischer Verlag sich tragen. Alles andere halte ich für grotesk. Etwa, sich von der EU und ihren Geldtöpfen ein messianisches Heil zu erwarten. Was ich sehe, sind absurd zusammengesetzte Kommissionen, die bestimmen, was ein Kulturgut Buch ist und was Kommerz.

Ich bin für radikale verlegerische Unabhängigkeit. Unsere Aufgabe ist es, verflucht clever zu sein. Das ist meine tiefste Überzeugung.
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2002)

  • Jörg Bong
    foto: s.fischer verlag

    Jörg Bong

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