Holzschuhtanz zur Erntedankzeit

22. Dezember 2002, 19:31
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Das Staatsopernballett mit der Wiederaufnahme von Frederick Ashtons "List und Liebe"

Wien - Mit der Wiederaufnahme von List und Liebe, besser bekannt unter dem Titel La fille mal gardée, bietet die Staatsoper über die Festtage hinweg kein typisches Weihnachtsprogramm, dafür aber Amüsement mit Niveau. Jean Daubervals zur Erntezeit spielende Ballettkomödie wurde 1789 in Bordeaux uraufgeführt und 1960 vom Briten Sir Frederick Ashton einer bis heute gültigen Neubearbeitung unterzogen, die sich in Wien bestens bewährt hat.

Zuletzt 1993 an der Staatsoper aufgeführt, zeichnet nun Alexander Grant für die sorgfältige Neueinstudierung. Grant hat auf die Komik besonderen Wert gelegt - und damit ins Schwarze getroffen. Denn das komödiantische Fach beherrschen die Tänzer ganz besonders.

List und Liebe, verfasst zur Musik von Ferdinand Hérold und John Lanchbery (Dirigent: Kevin Rhodes), erzählt vom reichen Bauernmädchen Lise, das sich durch List von ihrer Mutter, der Witwe Simone, die Akzeptanz ihrer Liebe zum armen Colas verschafft.

Zuvor allerdings hat sich Lise gegen ihre Mutter und gegen den reichen Tölpel Alain zur Wehr zu setzen. Eine simple Geschichte, die in Ashtons bewegungsreicher Choreografie, die weit gehend von englischen Volkstänzen inspiriert ist, in den Pas de deux und in der darstellerischen Gestik immer noch gefällt.

Damit dieses Ballett reüssiert, muss auch die Besetzung passen: Simona Noja als Lise ist nicht nur erstklassige Spitzentänzerin, sondern überzeugende Akteurin mit Charakter, störrisches Mädchen, dass voll Elan ihren Willen durchsetzt. Gregor Hatala spielt auch als Bauernbursch Colas bravourös, und gekonnt linkisch gibt sich Christian Musil als dummer Alain.

Es hat Tradition, dass die Rolle der Witwe Simone von einem Mann interpretiert wird: Für Christian Rovny bedeutet das eine Glanzrolle. Bei allen Finessen ist es immer Rovny, der als strenge Mutter überwältigt. Rovny, als Paradebösewicht des Staatsopernballetts bekannt, verfügt über jene nuancierte Entfaltungsfähigkeit, über Feinheiten in der Mimik und Artikulation, die ihn zum großen Tanzkomödianten machen. Er legt einen virtuosen Holzschuhtanz hin und erfreut in seinem Gehabe als geldgierige Mutter.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2002)

Von Ursula Kneiss
  • Artikelbild
    foto: staatsoper
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