Die Gefahren der Liebe

26. Dezember 2002, 20:15
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Zwischen Duell und AIDS, Sándor Márai und Banana Yoshimoto

Aus dem Nachlass des spät wieder entdeckten und gefeierten Dichters stammt diese stimmungsvolle Geschichte, die mit einer riskanten Flucht beginnt. Zwei abgerissene Reisende finden Quartier in Bozen: Es ist der berühmt-berüchtigte Giacomo Casanova, gerade eben den Bleikammern seiner Heimatstadt Venedig entronnen, und sein Begleiter, ein zweifelhafter Mönch, der den Sekretär des Flüchtlings spielt. Die beiden befinden sich in einer prekären Lage. Erst einmal muss Casanova seinem venezianischen Schutzherrn noch etwas Geld entlocken, um sich ordentliche Kleider zu beschaffen, dann gilt es, auch dem argwöhnischen Auge des Gesetzes nicht aufzufallen. Dennoch verbreitet sich die Kunde von der Ankunft des Fremdlings mit Blitzesschnelle. Männer und Frauen mit Liebeskummer suchen bei ihm Rat und Trost. Und dann wird Casanova von der Vergangenheit eingeholt. Der Graf von Parma, alt, reich und mächtig, kommt mit einem bizarren Befehl zu ihm... Márais Episode aus dem Leben eines Liebhabers ohne Liebe ist oft ein wenig pathetisch und weitschweifig, aber spannend und ein weiterer Beweis für die ungebrochene Faszination des Abenteurers über dessen Biografie sich so viele nachkommende Schriftsteller hergemacht haben.

Yoshimoto

Oft werden sehr junge Autoren und Autorinnen zum Jungliteraturstar hochgejubelt und dann, wenn sie nach ihren pubertären Befindlichkeiten nichts mehr zu erzählen haben, vom Markt fallengelassen. Die 1964 geborene Banana Yoshimoto war in Japan flugs zum Teenie-Idol geworden. Keine gute Voraussetzung für eine dauerhafte Karriere. Doch auch in ihrem neuen Buch zeigt sie wieder, dass sie über das Stadium der autobiografischen Nabelschau hinaus ist. Vier junge Menschen werden plötzlich aus ihrem sorglosen Dahintreiben mit allen Annehmlichkeiten einer hochtechnisierten Zivilisation herausgerissen. Einer ist HIV-positiv, die Ich-Erzählerin, die vor längerer Zeit selbst ein Verhältnis mit Takashi gehabt hatte und Hideo, Takashis schwuler Freund machen, sich darüber Sorgen, ob sie sich auch angesteckt haben. Bevor die Testergebnisse feststehen, beschließen sie, mit dem Freund eine schon lang erträumte Urlaubsreise zu machen. Zehn Tage Sightseeing in Ägypten, in einer Kultur, die geradezu todesbesessen war, das gibt Anlass zu mancherlei Reflexionen. Yoshimoto scheint wie ein halbwegs nachdenklicher Teenager vor sich hin zu plappern, aber dann merkt man plötzlich, dass sie das Stilmittel einer scheinbaren Naivität raffiniert beherrscht. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.12.2002)

Von Ingeborg Sperl

Sándor Márai, Die Gräfin von Parma. €12,40/238 Seiten. Piper original, München 2002.

Banana Yoshimoto: Sly. Aus dem Japanischen von Antia Brockmann. € 14,90/162 Seiten. Diogenes, Zürich 2002.

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