"Mit Bildern allein schreibt man keine Geschichte"

22. Dezember 2002, 20:28
posten

"Das tägliche Brennen" - eine der wichtigsten heimischen Publikationen dieses Jahres

Wenn man dieser Tage Bücher wie Jörg Friedrichs Der Brand (über Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945) in die Hand nimmt, zeichnet sich eine hoffnungsvolle Perspektive ab: Eine Geschichtsschreibung, die einen nicht mit Anekdoten abspeist, sondern wirklich zu erzählen weiß. Die sich mit der Literatur verständigt, mit dem Film - auch in einer "Montage, die einzig über Auslassungen zu reden imstande ist" (Michel de Certeau), anstatt nur auf- und vorzurechnen, und die sich dieser Auslassungen aufs eigensinnigste bewusst ist.

So ein Buch ist in diesem Jahr auch hierzulande erschienen: Ein für die nächsten Generationen unabdingbares kulturhistorisches Standardwerk. Gleichzeitig: eine Erzählung, oder richtiger, eine Sammlung von Erzählungen. Ein als Arbeitsbuch verkappter Gesellschaftsantiroman mit unzähligen fiktiven und realen Orten, Haupt- und Nebenpersonen. Ein Epos, das einerseits mitten ins Herz der Alltagskultur zielt und gerade dabei denkwürdige Randerscheinungen zu Tage fördert: Das tägliche Brennen von Elisabeth Büttner und Christian Dewald wird im Untertitel sehr bewusst als eine und nicht als die "Geschichte des österreichischen Films von den Anfängen bis 1945" ausgewiesen. Denn "Geschichte schreiben heißt: Bezüge herstellen, konstruieren". Und die beiden Historiker/Theoretiker/Erzähler - sie wissen genau, wie sehr solche Konstruktionen offen bleiben müssen, um präzise zu bleiben. Womit wir wieder bei den Auslassungen wären (in diesem Fall einige Produktionen und "Größen" des österreichischen Kinos, um die man bis dato fast schon verbohrt nicht herum kam). Und letztlich auch bei den Lücken und Leerstellen, die man dem Leser, wenn schon nicht füllen, so doch bewusst machen kann.

Ein Meilenstein: dieser auch graphisch hervorragend gestaltete Schmöker, in dem - um nur ein paar Beispiele zu nennen - der Wiener Prater nach 1900 durchmessen wird, Künstler- und Handwerkerbiographien mit literarischen Vorlagen, Bildmontagen und Zeitzitaten kommunizieren, und in vier Blöcken (Schauen, Graben, Brennen, Überleben) Historie eher aufblitzt denn linear vorbeizieht. Die Lektüre dieses Werks kann man an jedem beliebigen Punkt beginnen: Einer der schönsten ist unter dem Titel Tiefenschärfe - Orte, Nichtorte, Tauschpraktiken ein "kinematografisches Fundstück, das sich der genauen Datierung entzieht: Knapp zwanzig Meter Film, d. h. kaum eine Minute, zeitlich einzuordnen vor allem über die Art der Perforationslöcher und die Perforationsbeschriftung": Wellen schlagen gegen die Küste, beobachtet von einer Frau, entstanden zwischen 1914 und 1918, wirft einerseits den Betrachter auf eine ganz eigentümlich gegenwärtigen Dialog mit einem anonymen "Verfasser" zurück.

Gleichzeitig laden Büttner/Dewald den so entstehenden (Leer-)Raum mit sehr bedacht gesetzten Referenzen auf: Robert Musils Mann ohne Eigenschaften lappt an einer Schnittstelle in Michel de Certeaus Kunst des Handelns über, Siegfried Kracauer kommuniziert mit Walter Benjamin und Alexander Kluge: Letzterer wird mit seinem gemeinsam mit Oskar Negt verfasstem Arbeitsbuch Geschichte und Eigensinn ganz deutlich als ein Leuchtturm erkennbar, von dem aus diese Vermessung möglich wurde. In Österreich wurden solche Traditionen des Exkurses und der "Passage" ja bis dato kaum wahrgenommen, erst recht nicht in der konventionellen Filmgeschichtsschreibung, die immer wieder zwischen Nostalgie, Verklärung und retrospektiver Gemütlichkeit hängen blieb.

Dagegen wirkt Das tägliche Brennen in seiner mitunter frostigen Konzentration im besten Sinn des Wortes aufklärend: "Wie das einmal Geträumte einer Gesellschaft nicht zurückgenommen werden kann, so können einmal gelegte Brände nicht gelöscht werden." Oder, über die "gebundene Handlungsbereitschaft" des im Dritten Reich überaus erfolgreichen Regisseurs Gustav Ucicky: "Ein Mann geht mit der Zeit. Er fügt und schützt sich. (...) Er tarnt sich als Künstler und nimmt damit ein Muster der Teilung für seine Person in Anspruch. Der Künstler bleibt gegenüber den Anfechtungen des Außen unanfechtbar." Mit solchen Sätzen holen Büttner/Dewald das frühe und mittlere Austrokino quasi wieder aus der Bellaria heraus an die frische Luft - so wie sie schon in ihrer "Geschichte des österreichischen Films von 1945 bis zur Gegenwart", Anschluss an morgen, der Autogrammkarten-Historie eine Absage erteilten, zugleich aber eben weiter gingen als viele spezialisierte Theoretiker.

Man müsse unterscheiden, sagten Büttner/ Dewald einmal in einem Gespräch: "Zwischen dem Film-Material und dem Gedanken-Material, wie man eine Filmgeschichte überhaupt schreiben kann. Nur mit Bildern schreibt man keine Geschichte. Man muss Film, Bild und Historie zusammenbringen und das schließt natürlich Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte mit ein." Was soll man in den nächsten Tagen und Wochen also lesen und wieder lesen, wenn nicht dieses Buch! (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.12.2002)

Von Claus Philipp
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Elisabeth Büttner/Christian Dewald, Das tägliche Brennen. Eine Geschichte des österreichischen Films von den Anfängen bis 1945. € 34,90,-/516 Seiten. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2002.

Share if you care.