Wifo: Folgen einer Irak-Intervention nicht abschätzbar

20. Dezember 2002, 17:32
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Wirtschaftsforscher Helmut Kramer sieht Konjunkturprognose von enttäuschten Aufschwungerwartungen beherrscht

Wien - Die aktuelle Konjunkturprognose sei von enttäuschten Aufschwungerwartungen beherrscht, sagte der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), Helmut Kramer, am Freitag bei der Präsentation der Prognoseergebnisse. Österreich sei damit aber nicht allein, der EU-Durchschnitt liege bei einem realen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,0 Prozent für 2002, der Euro-Raum bei 0,7 Prozent, Österreich mit 0,9 Prozent (Wifo) bzw. 0,8 Prozent (IHS) ziemlich gleichauf. Das deutsche Wachstum liegt heuer mit einem Viertelprozent an letzter Stelle unter allen EU-Ländern.

Dass Österreichs Wirtschaft wegen ihrer starken Außenhandelsverflechtung mit Deutschland vom "großen Bruder" stark nach unten gezogen werde, sehen die Wirtschaftsforscher nicht. Ewald Walterskirchen vom Wifo schätzt den unmittelbaren negativen Exporteffekt auf das heimische BIP-Wachstum auf 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte und sagte, dass der Einbruch der Stimmungslage bei den Unternehmern der entscheidendere Faktor sei. Der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer, glaubt nicht, dass die Konjunkturentwicklung auf die restriktive Budgetpolitik zurückzuführen sei. Österreich habe seit den 70er-Jahren einen Wachstumsvorsprung gegenüber Deutschland aufzuweisen, was auf die flexiblere Gestaltung der Arbeitsmärkte in Österreich zurückzuführen sei. Kramer nannte auch die relativ verbesserten Lohnstückkosten Österreichs gegenüber Deutschland und den Gewinn von Marktanteilen durch die österreichischen Exporteure.

Das Wachstumspotenzial für 2003 in Österreich bezifferte Kramer mit 2 bis 2,5 Prozent, was ident mit dem Wachstumspotenzial der EU sei. Dass das Wifo für 2003 nur einen BIP-Zuwachs von 1,7 Prozent für Österreich errechne, dafür nannte Kramer mehrere Gründe. Einerseits die Unsicherheit, dass es noch keine neue Regierung gebe und nicht einmal deren Zusammensetzung absehbar sei, womit auch wirtschaftspolitische Konsequenzen für 2003 nicht erkennbar seien. "Wir mussten daher mit Annahmen arbeiten, die einigermaßen plausibel erscheinen", so Kramer. Zudem müssten die Budgetverhandlungen der künftigen Regierung mit einigen Vorbelastungen des Budgets 2003 (steigende Ausgaben bei Pensionen, Beamtengehältern und Kindergeld) starten, die zum Teil als Ergebnis des heurigen Wahlkampfes gesehen werden.

Dass sich die wirtschaftliche Situation im Lauf des Jahres 2003 relativ zu 2002 verbessern werde, dafür gebe es mehrere Argumente. Ein Rückstau bei der Anschaffung dauerhafter Konsumgüter, die heuer beschlossene befristete Investitionsprämie und abgebaute Lagerbestände. Diese Erwartungshaltung hätte schon für heuer gegolten, umso mehr sei anzunehmen, dass sie im kommenden Jahr konkretisiert werde. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland, unter der auch andere europäische Handelspartner leiden, sei nicht vergleichbar mit der bereits lang währenden Rezession in Japan, dazu biete die EU-Erweiterung neue Investitionschancen. Die Wirtschaft in Ost-Mitteleuropa sollte sich mit plus 2,8 Prozent 2003 bzw. 3,5 Prozent 2004 als andere Wirtschaftsregionen, einschließlich den USA.

Felderer verwies auf den Schock durch einen Absturz der Börsenkurse im heurigen Sommer, der das Wachstum des ersten Halbjahres 2002 unterbrochen habe. Dieser habe zu einer dramatischen Stimmungsverschlechterung geführt. In den USA wiesen aber alle Indikatoren auf eine stetige Verbesserung hin, die Gewinnsituation der Unternehmen verbessere sich ständig. Das Konsumentenverhalten unterscheide sich vom Krisenjahr 1929 deutlich, da die Konsumenten gelernt hätten, mit der Situation eingebrochener Börsenkurse umzugehen. Kursaufschwünge seien jedoch weiterhin nur vorübergehend, längerfristig sei mit einer hohen Volatilität der Aktienmärkte zu rechnen, die Unsicherheit auf den Finanzmärkten sei nach wie vor groß.

Die Vorbereitung der USA auf einen möglichen Militärschlag im Irak habe die Weltwirtschaft in den letzten Tagen und Wochen sehr in Anspruch genommen, sagte Kramer. Eine massive Verteuerung des Ölpreises habe das Wifo in seiner Prognose nicht vorweggenommen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen einer US-Intervention im Irak hingen vom Tempo des Geschehens und vom Zeitpunkt eines Erfolges ab.

Von der künftigen Regierung erwarten die Wirtschaftsforscher, dass diese 2003 "anfangen muss, dem Volk zu erklären was man will" (Felderer). Das beziehe sich auf "Korrekturen der öffentlichen Ausgaben" bei Pensionen, den ÖBB, dem Gesundheitswesen und im öffentlichen Dienst. Die Strategie einer Steuersenkung sollte 2003 verbindlich beschlossen werden, sagte Kramer. (APA)

  • Helmut Kramer
    foto: der standard/cremer

    Helmut Kramer

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