Klett-Cotta labt sich am "Herrn der Ringe"

20. Dezember 2002, 11:35
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Taschenbuch mehr als acht Millionen mal verkauft - keine Rede von Verlagskrise in diesem Haus

Stuttgart - Deutsche Klassik, Schulbücher und mittendrin "Der Herr der Ringe". Die ehrwürdigen Stuttgarter Verlage Klett und Cotta stehen eigentlich für Bildung. Dabei ist das Unternehmen auch Deutschlands ältester und erfolgreichster Herausgeber von Fantasy-Literatur. Verlegersohn Michael Klett hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert seinen skeptischen Vater von dem Werk eines Mannes namens John Ronald Reuel Tolkien überzeugt. 21 deutsche Verlage hatten dessen fantastische Geschichte aus Mittelerde zuvor abgelehnt.

Das Millionengeschäft des mittelständischen Unternehmens ist eigentlich einer Reise zur richtigen Zeit in die USA zu verdanken: Als Michael Klett Mitte der 60er Jahre seiner Cousine in Massachusetts einen Besuch abstattete, hörte sie gar nicht mehr auf, dem damals 27-Jährigen von einem wuchtigen Wälzer vorzuschwärmen. Danach verschlug es ihn für zwei Monate zum Überlebenstraining in den kanadischen Urwald. "Abgemagert und lesehungrig kam ich hinterher bei einem Freund in Chicago unter", erzählt der heute 64-Jährige Verlagschef. "Und was liegt auf dem Nachttisch? Der Herr der Ringe". Statt in erholsamen Schlummer zu sinken, schlug er das Buch auf und las bis ins Morgengrauen.

"Kein Verhältnis zur angelsächsischen Fantasy"

Frodos fesselndes Abenteuer war zehn Jahre zuvor auf Englisch erschienen, aber noch nicht bis nach Deutschland vorgedrungen. Schuld war die zwischen den Kriegen erschienene deutsche Übersetzung von "Alice im Wunderland", auf der die Buchhändler sitzen geblieben waren. Die Deutschen hätten kein Verhältnis zur angelsächsischen Fantasy, lautete seither die Devise in den Verlagen. Aber Michael Klett war anderer Ansicht: "Die Kultur hatte sich gewandelt, die Demokratie war eingeführt, Deutschland wurde immer westlicher", erklärt er.

Zum Einstand in den Familienbetrieb legte der Sohn deshalb seinem Vater Ernst das Mitbringsel aus den USA ans Herz. "Das musst du machen, das wird von Jugendlichen gelesen, und wir sind schließlich ein Schulbuch-Verlag", sagte er damals. Aber der Vater wehrte ab: Ein solches Buch brauche einen ganz anderen Vertrieb, lautete sein Argument. Doch Michael Klett blieb hartnäckig, bis sein Vater schließlich einlenkte. Vorsichtige 3.000 Stück umfasste die erste Auflage, die drei Bände kosteten umgerechnet 50 Euro, nach zwei Jahren waren sie vergriffen.

"... und es ging ab wie die Post"

Beinahe wären die Taschenbuchrechte anschließend an den Rowohlt Verlag verkauft worden. Michael Klett setzte sich wieder mit aller Vehemenz für den "Herr der Ringe" ein. "Wenn alle Exemplare zu diesem Preis weggehen, dann muss der Markt vorbereitet sein", dachte er sich. 1972 kam die erschwinglichere grüne Ausgabe schließlich in die Geschäfte - "und es ging ab wie die Post". Bis 1976 war das Buch ein Bestseller, 100.000 Schuber gingen jährlich über den Ladentisch, danach sanken die Verkaufszahlen auf durchschnittlich 40.000 Stück im Jahr.

Wachstum im Schrumpfmarkt

Als plötzlich die Verfilmung der Trilogie über mehr als drei Jahre hinweg eine Hysterie unter den Fans entfacht, entwickelt sich der einstige Glücksgriff zu einer Art Lottogewinn. Während die Verlagsbranche in der Krise steckt, legte die Klett-Gruppe im April beeindruckende Zahlen vor: ein Wachstum von mehr als elf Prozent im Umsatz (313,7 Millionen Euro) und von 70 Prozent im Ergebnis (9,7 Millionen Euro). Allein im Jänner wurden 300.000 "Herr der Ringe" aus den Geschäften getragen. Der gerade in den Kinos angelaufenen zweite Teil wird den Verkauf erneut ankurbeln, der in einem Jahr erscheinende dritte Teil ebenfalls.

Allein die Taschenbuchausgabe hat bereits eine Auflage von mehr als acht Millionen erreicht. Eine richtige Industrie ist rund um den "Herrn der Ringe" entstanden. Etwa 50 Bücher von und über Tolkien hat Klett-Cotta im Katalog. Es gibt Landkarten, ein Handbuch der Weisen von Mittelerde und demnächst sogar ein elbisches Lexikon. Zu jedem der drei Filme bringt der Stuttgarter Verlag noch fünf neue Titel auf den Markt offizielle Begleitbücher, Fotobände, Bücher über die Herstellung des jeweiligen Teils.

Fantasy-Klassiker

Hobbit-Presse ist dieser seit 1969 bestehende Geschäftsbereich getauft worden, der von Anfang an systematisch ausgebaut wurde. Mit Klassikern wie Peter S. Beagles "Das letzte Einhorn", T.H. Whites "Der König auf Camelot" und der "Brautprinzessin" von William Goldman. Ricardo Pinto und Tad Williams heißen die zeitgenössischen Autoren. Friedlich existieren sie bei Klett-Cotta neben Goethe, Schiller oder Gottfried Benn.

Die Fantasy-Verkaufsschlager seien ein guter Ausgleich zur übrigen Literatur seines Verlages, findet Michael Klett. Er selbst hat sein stärkstes Pferd im Stall übrigens nur einmal komplett gelesen. "Ich bin kein Fan", gibt er unumwunden zu. (APA/AP)

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    Vertrauter Anblick in vielen Bücherregalen ...

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