Drogenhandel radikal verändert

23. Dezember 2002, 11:59
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Den typischen Suchtgiftkonsumenten gibt es nicht mehr - Früher wandten sich Konsumenten an Mittelsmänner - heute gehen die Verkäufer direkt auf Abnehmer zu

Wien/Linz - Nach zweijährigen Ermittlungen in der heimischen Suchtgiftszene ließen Wiener und Linzer Kriminalisten am Mittwoch Fakten sprechen: 3000 Verdächtige ausgeforscht, 165 Festnahmen, 890 Anzeigen, 86 Kilogramm Kokain und Heroin sichergestellt, sechs Millionen Euro über verdächtige Konten geflossen. Resümee von Chefinspektor Wolfgang Preiszler: "Westafrikanische Tätergruppen haben den Drogenhandel in Österreich fest in der Hand."

Drogenkuriere und Schmuggler

Vor allem zwischen Wien und Linz habe sich in den vergangenen Jahren ein reger Pendlerverkehr von Drogenkurieren und Schmugglern ergeben, so Herbert Stübler von der Wiener Kriminaldirektion 1. Insgesamt habe man 19 verschiedene Gruppierungen ausheben können. Fünf davon seien als führende Organisationen des europäischen Drogenhandels, der von Amsterdam aus betrieben werde, enttarnt worden.

Banden operierten oft unter dem Deckmantel legaler Geschäfte

Die Polizei geht davon aus, dass die Gruppierungen vor ihrer Zerschlagung an die 20 Millionen Euro Gewinn gemacht haben. Die Banden operierten oft unter dem Deckmantel legaler Geschäfte. Überprüfungen so genannter Callcenter führten zum Beispiel auf die Spur eines aus Nigeria stammenden österreichischen Staatsbürgers. Er soll über seine insgesamt fünf Callcenter in neun Monaten rund 5,5 Millionen Euro Drogengelder ins Ausland transferiert haben.

"Den typischen Suchtgiftkonsumenten gibt es nicht mehr"

"Den typischen Suchtgiftkonsumenten gibt es nicht mehr", erklärte Drogenfahnder Preiszler. Beispiel: Kokain, früher ausschließlich ein "Schickimicki-Problem", sei seit dem Auftreten westafrikanischer Banden in der offenen Szene erhältlich.

Verkaufsszene verändert

Mitte der 90er-Jahre hätten sich die Geschäfte in der offenen Szene radikal geändert. Bis dahin habe man es fast ausschließlich mit heimischen und osteuropäischen Tätergruppen zu tun gehabt. Dann seien westafrikanische Gruppen mit einer äußerst offensiven Verkaufsstrategie eingestiegen.

Heute gehen die Verkäufer direkt auf mögliche Abnehmer zu

Preiszler: "Früher wandten sich Konsumenten an Mittelsmänner, die ihrerseits den Kontakt zum Dealer herstellten. Heute gehen die Verkäufer direkt auf mögliche Abnehmer zu." Die Zwischenstelle falle weg, deswegen seien die Drogen billiger und schneller verfügbar geworden. "Wir haben auch beobachtet, dass die Banden völlig Unschuldige ins Kriminal hineinziehen", so Stübler. Der Trick: Kleindealer oder Kuriere nehmen Identitäten von real gemeldeten Asylwerbern an. Das geschehe entweder durch Diebstahl von Dokumenten, oder den Flüchtlingen werde Gewalt angedroht.

Für die kommenden Wochen kündigte die Polizei weitere Schwerpunktaktionen an. "Mit aller Härte und mit allen Maßnahmen", will Kripochef Roland Horngacher seine Gegner wissen lassen. (simo, DER STANDARD Printausgabe 20.12.2002)

Westafrikanische Tätergruppen haben den Drogenhandel in Österreich fest im Griff, sagt die Polizei. Wiener und Linzer Kriminalisten hoben in den vergangenen zwei Jahren 19 Banden aus, insgesamt wurden 3000 Verdächtige ausgeforscht und 165 Personen festgenommen...
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