Die Banalisierung des sozialen Zusammenhaltes

25. März 2003, 12:48
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Schüssel lobte die Österreicher als "Spendenweltmeister" - mir war die geballte Maschinerie des Spendens nie ganz geheuer ... - Ein Kommentar von Heide Schmidt

Zu den zahlreichen Begleiterscheinungen der Weihnachtszeit gehört u.a., dass das sogenannte Gewissen wieder ins Gerede kommt. Häufig ist es das schlechte, das sich breit macht, weil man Vieles zwar immer schon, aber gerade jetzt ganz besonders einfach tun sollte und dafür wie schon immer aber gerade jetzt ganz besonders keine Zeit und/oder Energie findet. Die gute Tat, im Anforderungsprofil für Pfadfinder so definiert, dass sie täglich statt finden kann, ist gar nicht soo einfach, weil sie zumindest Wahrnehmungsfähigkeit und Konsequenzbereitschaft voraus setzt.

Und weil das individuell halt nicht ideal funktioniert, springen insbesondere zur Weihnachtszeit Institutionen ein, die die gute Tat markgerecht anbieten. Mit jedem auch noch so kleinen Spendenbetrag ist man dabei und hat schon geholfen. Begeistert werden die Geschichten der Kinder erzählt, die (im Regelfall durch freundliche Unterstützung ihrer Eltern) zum Spendenaufkommen beitragen oder die „Ärmsten der Armen“ gelobt, die – obwohl sie selbst nichts haben – 10 oder 20€ für „Licht ins Dunkel“ geben. Ich möchte diese Gesten nicht pauschal schmälern. Ich halte auch die Zeit des Schenkens für durchaus dazu geeignet, Zustände ins Bewusstsein zu rücken, über die man sonst im wahren Sinn des Wortes hinweg sieht.

Dennoch war mir die geballte Maschinerie des Spendens nie ganz geheuer. Ein tiefes Unbehagen aber erfüllt mich in diesem Zusammenhang seit den Schlussworten des Bundeskanzlers in der sogenannten Elefantenrunde vor der Nationalratswahl. Schüssel meinte nämlich, dass die Österreicher Spendenweltmeister wären (wie misst man so etwas eigentlich?) und damit der so wichtige soziale Zusammenhalt der Gesellschaft gesichert sei. Damit wird nicht nur dieser Begriff unzulässig banalisiert, sondern auch eine Variante einer „Bürgergesellschaft“ angesprochen, (Khol sieht sich gerne als einer ihrer Vordenker), die mir ziemlich unerträglich ist.

Bei aller Notwendigkeit zur Deregulierung und Privatisierung: die Sicherung des sozialen Zusammenhaltes einer Gesellschaft ist Aufgabe der Politik und hat durch die faire Verteilung der Lebenschancen mit staatlichen Mindestgarantien zu bestehen. Verantwortung und Humanität dürfen nicht weiter ausgelagert werden. Bei jeder öffentlichen Belobigung Privater für ihre guten Taten sollte daher nicht übersehen werden, dass sich die Politik dabei zumeist heimlich und bequem ihrer Verantwortung entledigt hat.

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.
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