Von Markus Mittringer

20. Dezember 2002, 10:43
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Es war einer jener seltenen Abende, die beim Wirt ausklingen. Und nur der Glaubwürdigkeit zuliebe war nach dem siebten Fluchtachtel endgültig Schluss. Seinstaumelnd strebten wir nach Hause. Wir, das waren mein Vater und ich. Er - auf Besuch. Ich - glücklich. Der Wirt - aber das nur nebenbei - ist eine Wiener Institution auf drei Absätzen, die man, einer neuen Pächterin sei Dank, jetzt wieder aufsuchen kann, weil die Burschen dort nicht mehr als grölende -Schaften die Fersen knallen lassen.

Jedenfalls aber kamen wir zu Hause an. Fast. Da war das vertraute Haustor. Da waren im Stiegenhaus alle Wände noch dort, wo man sie in alter Gewohnheit abends vertrauensvoll mit der Schulter sucht. Und da war auch der Knopf, der zuverlässig ein klein wenig mehr Licht ins Dunkel bringt. Ja, selbst der Schlüssel passte ins Schloss, und sperrte.

Gerade einmal eine Umdrehung und einen sanften Stoß später aber war nichts mehr so wie früher. Da lag - man muss sich das einmal vorstellen - ein roter Teppich zu meinen Füßen, markierte, allen bekannten ästhetischen Theorien zuwiderlaufend, eine Fast-Diagonale in meinem Vorzimmer und grüßte mit einem Doppellauf tadellos erigierter Fransen. Da war Schluß mit lustig. Der Seinstaumel kippte in eine Generalohnmacht. Im Fallen noch sah ich mein Leben an mir vorüberziehen. Und da war er wieder. Zuerst in meinem Kinderzimmer, dann, Jahrzehnte später, als möbelschonende Unterlage in einem Speditionslaster. Zuletzt hatte ich den Teppich irgendwo verräumt. Zwischendurch durfte ich die wunderschöne Szene der ersten zarten Annäherung an meine Lebensgefährtin noch einmal erleben. Und da war ich dann plötzlich nüchtern. Und erinnerte mich: Dani war verreist und hatte, zwecks Unterstützung meinerseits bei der Hege beider Kinder, ihre Mutter geschickt. Und die hat eben tagsüber hingebungsvoll ihre Tatkraft walten lassen. Und so hatte mein Vater, noch bevor er sie frühmorgens dann erstmals leibhaftig zu Gesicht bekam, einen ersten Eindruck von meiner prospektiven Schwiegermutter gewonnen. (DER STANDARD/rondo/20/12/02)

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