Glück aus Hamburg

18. Dezember 2002, 16:14
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Handtaschen in Blattform, Schmuck aus Porzellansteinchen und Perlen: Gregory McKechnie fertigt kleine Kunstwerke, die sogar beim Avantgarde-Label Comme des Garçons Anklang finden.

Gregory McKechnie ist im Stress: Anruf aus Tokio. Neue Order, 50 Stück, schnell zu liefern. Und Gregory McKechnie ist stolz, denn angerufen hat der Flagshipstore von Comme des Garçons. Die exklusive Weihnachtskollektion McKechnies für das Avantgarde-Label, so meldete Japan, sei ausverkauft, innerhalb von fünf Stunden. 60 Ketten, 40 Armbänder - alles weg. Nun heißt es also nachproduzieren für den Halbiren aus Hamburg. Auswählen, durchbohren, auffädeln: Aus Spielzeug, Perlen, Halbedelsteinen und Prismen gestaltet der 22-Jährige seine Kompositionen. Die, vermutet er, kommen in Japan gut an, "weil man dort Poppig-Buntes mag".

Dass einige weitere japanische Frauen McKechnies Schmuck tragen werden, hat mit einer gehörigen Portion Glück zu tun. Eines Tages landete die Mappe mit seinen Entwürfen auf dem Tisch von Rei Kawakubo, der Frau, die seit 30 Jahren hinter Comme des Garçons steht und berühmt ist für ihre radikal-avantgardistischen Entwürfe. Dann rief Kawakubo bei McKechnie an. Ob er eine limitierte Kollektion für das japanische Label produzieren wolle. "Meine Schmuckstücke sind kleine Kunstwerke, davon war Rei Kawakubo angetan", sagt McKechnie. Natürlich wollte er, und so kam sein Schmuck in den noblen Tokioter Aoyama-Store.

Mittlerweile zeigen sich auch andere große Namen interessiert: Barney's in New York und Harvey Nichols in London etwa stehen in Kontakt mit dem Nachwuchsdesigner. Manchmal schreibt eben doch das Leben die besten Geschichten, und wer noch den Anfang von McKechnies wundersamem Blitzstart hört, hat allen Grund, wieder an Märchen zu glauben: Seine Freundin wünschte sich ein Armband, und weil McKechnie nichts Passendes fand, bastelte er einfach selbst eins. Im Berliner Edelkaufhaus "Quartier 206" sprach man die Freundin auf das Armband an und orderte gleich einige Stücke.

Das war im April diesen Jahres, und seitdem ist aus glücklichem Zufall echte Profession geworden. "Ich habe herausgefunden, wo es für mich hingeht", sagt McKechnie. Weil er das, was er macht, hundertprozentig machen will, hat er für die neue Karriere sein begonnenes Betriebswirtschaftsstudium ad acta gelegt. Dem Glück verdankt der junge Mann viel, und deshalb hat er auch seine aktuelle Kollektion so genannt. "Glück" ist bunt, fröhlich, verspielt, ein schmuckes Sammelsurium von Kindheitserinnerungen und Erwachsenenträumen. Die Zutaten dafür findet er in Antiquitätenläden, die er in mühseliger Kleinarbeit nach brauchbaren Kostbarkeiten durchstöbert. Wie er aus den Fundstücken dann Schmuckstücke werden lässt, erklärt er mit "reiner Gefühlssache". Seine Inspirationen zumindest holt sich McKechnie aus Musik und Kunst. Ein Armband kostet 150 Euro, 250 eine Kette. Kein Stück sieht wie das andere aus, und mehr noch: Für verschiedene Städte nuancierte McKechnie seine Glück-Kollektion, verlieh dem Schmuck jeweils einen anderen Charakter: "Berlin braucht es ein bisschen opulenter, mit größeren Steinen, Tokio hingegen leicht und fast ein bisschen trashig."

Wie es weitergehen soll, weiß der junge Designer schon ganz genau: In Arbeit ist der Schmuck für die Frühjahr-Sommer-Saison, ebenso seine "Leaf-Bags", Handtaschen in Blattform. Diese Kollektion heißt "Leben", und für die Ketten und Armbänder hat sich McKechnie von den Sixties anregen lassen: Halbedelsteine in knalligem Orange und Grün fügt er an Porzellansteinchen in klassisch-strenger Schwarz-Weiß-Kombination, dazu Prismen und Perlen. Alles sehr grafisch, doch eine kleine Verspieltheit wie einen Madonnenanhänger aus Lourdes erlaubt McKechnie sich auch hier.

Langfristig will McKechnie eine Accessoire-Linie aufbauen, mit Reisetaschen, Schuhen und natürlich Schmuck, vielleicht auch einmal mit einem Gag wie Topflappen. Künstlerisch, so der Designer, möchte er einen klassischen und abgefahrenen Stil zugleich entwickeln. In Zukunft wird er die Handarbeit wie Bohren, Löten, Auffädeln an Assistenten abgeben, um sich ganz den Designs zu widmen. Jetzt aber muss McKechnie zuerst einmal arbeiten. Schließlich wartet Tokio auf neue Armbänder, künftige Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen. Von seinem Büro aus blickt McKechnie in den Hamburger Hafen, auf die Schiffe aus aller Welt. Kein schlechter Ort für einen Nachwuchsdesigner, dessen Kreationen gerade auf dem besten Weg in die Welt sind. (DER STANDARD/rondo/Mareike Müller/13/12/02)

Bezug über
Quartier 206
quartier206.com
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Tel. 0049/30 20946807
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