Operntraum und Wirklichkeit

7. April 2003, 22:05
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"Jonny spielt auf" an der Wiener Staatsoper

Premiere von Ernst Kreneks Zeitoper "Jonny spielt auf" an der Wiener Staatsoper mit fulminantem Sängerensemble: Regisseur Günter Krämer setzt auf grelle Revueffekte und produziert einen nur soliden Musiktheaterabend ohne Höhepunkte.


Wien - Damals, nach ihrer Uraufführung in Leipzig, wurde Ernst Kreneks Oper Jonny spielt auf ein europaweiter Renner, und dies in einem Ausmaß, dass nebst einer Menge Bühnen auch Austria Tabak marketingmäßig an dem Erfolg mitrauchen wollten. Noch heute erinnert die um einen Buchstaben ergänzte Marke Johnny an einen der größten, aber kurzlebigsten Opernerfolge der 20. Jahr- hunderts. Innerhalb von nur zwei Jahren, also von 1927 bis 1929, wurde das Werk ganze 450-mal an über hundert Bühnen gespielt - und in 18 Sprachen übersetzt.

Schon bei seiner Ankunft in Wien, Ende 1927, geriet das Werk allerdings in den Strudel der langsam "ungemütlich" werdenden Zeit. Die Nazis druckten Plakate, auf denen eine "jüdisch-negerische Besudelung" angeprangert wurde. Später wurde das Werk verboten (die Zigarettenmarke blieb übrigens im Handel), Krenek ging nach Amerika, und Jonny geriet als saxofonspielender Schwarzer auch noch auf das Plakat der desavouierenden Nazi-Ausstellung "Entartete Musik".

Die Oper ist also in jeder, also guter und tragischer Hinsicht ein Kind ihrer Zeit. Ob sie ein modischer, optimistischer Hort des Zeitgeistes geblieben und also von sich aus von den Bühnen verschwunden wäre, da eben nichts so schnell alt und obsolet wird wie das Neue, das ausschließlich davon lebt, eine Zeitstimmung eingefangen und auf den Punkt zu bringen, bleibt Spekulation.

Sich zu etablieren oder an sich selbst zu scheitern, dazu hatte sie letztlich keine Chance. Nun, also 71 Jahre nach dem ersten Wiener Jonny-Besuch, hätte der verstorbene Herbert Wernicke, der an sich als Regisseur vorgesehen war, die Wiener Rezeptionsgeschichte mitinszeniert - ein riesiges Hakenkreuz wäre auf der Bühne der Staatsoper zu sehen gewesen.

Günter Krämer, der für Wernicke einsprang, ist solcher Zugang fremd. Er thematisiert eher das Verhältnis Künstler und Leben; bei ihm schreibt Komponist Max gerade an Jonny, pendelt zwischen Weltflüchtigkeit und einer Konfrontation mit der Realität, die ihn schließlich die Oper vollenden lässt.

Tadelloses Handwerk

Max (glänzend disponiert Torsten Kerl) ist hier eine entrückte eskapistische Salonfigur zwischen Operntraum und Wirklichkeit, die den Gletscher liebt, eine Figur, die wirkt, als würde sie einen Liederabend geben. Seine Opern-Kopffiguren betreten die Realität, verschwinden wieder; handwerklich tadellos wechselt Krämer von einer Sphäre zur nächsten.

Mal ist man bei einer Probe, die Max leitet, dann wieder verfolgt Max den Lauf seiner Oper partiturlesend mit. Da läuft Jonny (jederzeit stimmsicher und präsent Bo Skov- hus) dann durch die Zuschauerreihen und schminkt sich zur Tarnung ab, schmiert auch noch Dirigent Seiji Ozawa ein wenig schwarze Farbe ins Gesicht, womit der Musikchef des Hauses am Ring nun als solcher auch szenisch vorgestellt wurde.

Aber schon geht die Flucht weiter, die Polizei sucht Jonny im Zuschauerraum: Es ist die Ordnungsmacht, die uns dann mit Taschenlampen anleuchtet, und hier wird ein Gefühl des Repression und Bedrohung spürbar. Doch all die Verwandlungen der ganzen Staatsoper zur Bühne, all die grell-bunten Revueelemente, die Pariser Tänze, an denen sich mitunter auch die Polizei beteiligt, all das Spiel mit der Verengung und Weitung der Bühnenräume - sie sind allesamt handwerklich sauber eingepflanzte, nette Effekte, die die Oper nicht wirklich zum Leben erwecken können.

Dabei sind die Figuren präzise gezeichnet, werden über ihre klischeehafte Gestalt, die Krenek ihnen verliehen hat, teils hinausgeführt. So weit das eben möglich ist. Sängerin Anita ist ein kostbares Geschöpf, das nicht Nein sagen, nicht widerstehen kann, viel Bein zeigen muss und der Lust des Augenblicks frönt. Nancy Gustafson gelingt es, eine auch gesanglich elegante Figur zu entwerfen.

Daniello (Peter Weber), der Violinvirtuose, dem sie sich kurz hingibt, um dann doch zu Max zurückzukehren, ist ein witzig-eitler Schnösel mit dem Talent zur narzisstischen Kränkung. Guter Teil eines exzellent besetzten Ensembles ist auch Ildikó Raimodi (als Stubenmädchen Yvonne).

Doch bis zum kollektiven, finalen Aufbruch in die Neue Welt dominiert doch vor allem schwerfälliges Geschichtenerzählen, wobei dem Werk selbst ein starker Bremseffekt zu "verdanken" ist. Da kann der sängerfreundliche Seiji Ozawa mit den Philharmonikern noch so behutsam malerische Klänge daherzaubern und in die Blue-Note-lastige Welt wechseln - es reicht nicht zur Werkbelebung.

Vielleicht hätte man die Kontraste zwischen den Stilen schärfer betonen sollen. So wurde man Zeuge eines nie dauerhaft wachgewordenen Opernabends, der sehr freundlich beklatscht wurde und dennoch die Spekulation wagen lässt, dass Jonny eine kurzlebige Zeitoper geblieben wäre - selbst wenn sie nicht unter die politischen Räder gekommen wäre.
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2002)

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    Das grelle Pariser Leben auf der Bühne der Wiener Staatsoper bei Ernst Kreneks neu inszenierter Zeitoper: Jonny (Bo Skovhus) wagt mit Yvonne (Ildikó Raimondi) ein flottes Tänzchen

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