Sexuelle Freiheit verunsichert

17. Dezember 2002, 19:17
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ÖsterreicherInnen zwischen Moral, verzerrten Medienbildern und Treue - Vatikan-Doktrin gegen sexuelle Selbstbestimmung

Salzburg - Das Verschwinden alter sexueller Moralvorstellungen und die in den vergangenen Jahrzehnten erlangten sexuellen Freiheiten der ÖsterreicherInnen machen das sexuelle Leben freier, aber nicht unbedingt einfacher. Heute sei Vieles erlaubt, was aber vielfach auch zur Verunsicherung der Menschen führt. Diese Bilanz zogen heute die MitarbeiterInnen der ältesten Sexualberatungsstelle Österreichs. In Salzburg wird seit nunmehr 15 Jahren bei entsprechenden Problemen kostenlose Betreuung geboten.

Realitätsverzerrte Medienbilder

War es früher insbesondere die Kirche, die die Sexualmoral beeinflusste, seien es heute in erster Linie die Medien, schilderte Eva Breidenbach-Fronius, eine der fünf BeraterInnen in Salzburg. Das Problem sei, dass in den Medien Sexualität immer sehr erfüllend sei und ein ganz bestimmter Körper als Norm und Ziel vorgegeben werde. Passt der eigene nicht, kann das zu großer Verunsicherung führen.

Treue den meisten ein Anliegen

Obwohl heute fast alles erlaubt sei und jede/r ihr/sein Geschlechtsleben gestalten kann, wie sie/er will, sei der Wunsch nach einer festen Beziehung immer noch der größte. "Und über 90 Prozent wollen unbedingt die Treue ihres Partners", so Breidenbach-Fronius.

Lustlosigkeit, Erektions- und Orgasmusprobleme

Deutlich im Steigen sei die Zahl der Paarberatungen. Rund ein Viertel komme mittlerweile mit der/dem PartnerIn, sagte Ulrike Hutter. Die meisten Beratungen betreffen funktionelle Störungen wie beispielsweise Erektionsstörungen, Orgasmusprobleme oder Hemmungen. Ein Thema sei auch Lustlosigkeit nach der Geburt, die für Paare sehr belastend sein kann. Aber auch Sex im Alter werde vermehrt angesprochen. Und die Zahl der Jugendlichen, die in die Beratungsstelle kommen, steige ebenfalls. Etwa ein Viertel aller 18-Jährigen habe noch keine sexuellen Erfahrungen. Viele würden das als etwas Abnormales betrachten und seien daher verunsichert, so Breidenbach-Fronius.

Mehr Therapie als Beratung

Insgesamt kamen im vergangenen Jahr rund 700 Menschen zur Beratung in Salzburg. Rund 2.000 Gespräche wurden geführt, schilderte Schreckeis. Die Tendenz gehe eindeutig von der Beratung zu mehr Therapie. Die Klienten kämen aus allen Bevölkerungsschichten, etwa die Hälfte komme aus Landgemeinden. Das Verhältnis von Mann zu Frau sei mit 50 zu 50 unüblich, da normalerweise viel mehr Frauen Beratungsstellen aufsuchen.

Aussagen über Erfolge der Beratung seien sehr schwierig, die Quote dürfte aber recht hoch sein, vermutete Hutter. Allerdings käme für die KlientInnen oft ein anderes Ergebnis heraus, als sie zu Beginn der Behandlung erwartet hätten.

Vatikan-Offensive gegen Kultur der sexuellen Selbstbestimmung

Die Führung der katholischen Weltkirche plant eine Offensive gegen die Kultur der sexuellen Freiheit und Selbstbestimmung. Mit diesem Ziel gebe der Vatikan in Kürze ein 500-Seiten-Dokument heraus, in dem er sich etwa gegen liberale Sexualaufklärung, "sicheren Sex" und die Tolerierung von Schwulen-Ehen wendet, berichtete die römische Zeitung "La Repubblica" am Dienstag.

Monogamie in den Mittelpunkt stellen

Es handle sich um eine "Gegenoffensive" gegen weit verbreitete liberale Auffassungen über Sexualität und Familie unter westlichen PolitikerInnen und besonders auch in UNO-Konferenzen, schreibt das Blatt. Der angesehene Vatikan-Experte Marco Puliti spricht von einer "Wojtyla-Doktrin der Sexualmoral".

Vor allem wende sich das Dokument gegen eine Sexualaufklärung, die sich vornehmlich auf biologische Aspekte konzentriert. Stattdessen betone das Schreiben die monogame Familie von Mann und Frau als "Grundlage der Gesellschaft". Homosexualität sei keine gleichwertige Alternative zur Heterosexualität, Männer einer Schwulen-Ehe sollten auch keine Kinder adoptieren dürfen. Zwar seien die Auffassungen der Kirchenführung in den Einzelfragen nicht neu, es sei aber ein wichtiger Schritt, diese nunmehr in einem offiziellen Dokument zusammenzufassen, schreibt Politi. (APA)

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