Kommentar: Wenn die Mutter die Oma ist

17. Dezember 2002, 14:44
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Mutterschaft von Frauen über 60 facht längst ausstehende ethische Diskussion an - auch über Eispenden

Endlich ist es auch in Österreich passiert: Erstmals haben zwei Frauen nach ihrer Menopause noch Kinder zur Welt gebracht. Bei der Geburt war die eine 58, die andere 61 Jahre alt. Was daran gut sein soll? Die nun entfachte Diskussion über Ethik in der Medizin und die dabei hoffentlich zur Sprache kommende Diskriminierung von Frauen durch das geltende österreichische Fortpflanzungsmedizingesetz, das reformiert gehört.

Dass Frauen, die aufgrund fehlender oder unzureichend entwickelter Eizellen keine Kinder bekommen können, wenigstens außerhalb Österreichs geholfen werden kann, weiß man schon lange. Spätestens jedenfalls seit Juni 1994, als die Italienerin Rosanna Della Corte mit ihren damals 63 Jahren als älteste Frau der Welt einen Sohn zur Welt brachte - Riccardo.

Ein Aufschrei der Empörung ging um die Welt: Wenn der Knabe zehn Jahre alt ist, habe seine Mutter bereits ihre statistische Lebenserwartung ausgereizt, falls sie noch lebe: Die Frau habe eigentlich ein Waisenkind in die Welt gesetzt. Auf das Wohl des Buben habe niemand geschaut. Die gleichen Argumente stehen auch heute wieder im Raum.

BefürworterInnen argumentieren, die Lebenserwartung steige ständig, durch Hormonbehandlungen ticke die biologische Uhr der Frau wesentlich langsamer, sie könne also immer später gebären.

Was nur teilweise stimmt. Richtig ist, dass sich in den vergangenen 100 Jahren die Lebenserwartung der Frauen tatsächlich von etwa 40 auf 80 Jahre verdoppelt hat. Die biologische Fruchtbarkeit jedoch, die Zeit bis zur Menopause, hat sich im selben Zeitraum nur um fünf Jahre verlängert und liegt im europäischen Schnitt heute bei 51 Jahren.

Nun kann man argumentieren, dass die Natur noch nicht mit dem medizinischen Fortschritt mithalten könne, die Technik ihrer Zeit voraus sei. Dann sollte man aber auch zugeben, dass einem der Mensch eigentlich egal ist.

Ein logischeres Argument scheint zu sein, dass sich die Natur bei der Festlegung von Zeitgrenzen etwas gedacht hat. Und sei es nur, dass für die Entwicklung des Menschen nach seiner Geburt fixe Bezugspersonen für einen längeren Zeitraum als nur eine Hand voll Jahre von Vorteil sind. Psychologische und sozialwissenschaftliche Studien belegen dies jedenfalls.

Ob das nun immer die Mütter sein müssen, darf freilich infrage gestellt werden. Interessant ist jedenfalls, dass es nie einen Aufschrei der Empörung gibt, sich kaum jemand den Kopf über das Kind zerbricht, wenn ein Mann jenseits der 60 noch Nachkommen zeugt. Dies scheint aber weniger von Natur aus bedingt als vielmehr symptomatisch für die (österreichische) Gesellschaft zu sein, in der die Frau in vielen Bereichen immer noch benachteiligt ist - selbst bei der gesetzlichen Regelung der künstlichen Fortpflanzung: Es darf hierzulande enorm viel getan werden, wenn der Mann nicht kann. Kann die Frau nicht, hat sie schlicht und einfach Pech.

Sowohl die Italienerin als nun auch die beiden Steirerinnen sind zu späten Mutterfreuden durch gespendete Eizellen gelangt. Was in Österreich verboten ist. Und zwar nicht nur für Frauen nach der Menopause, sondern für alle. Samenspenden hingegen sind kein Problem.

Die Bioethikkommission der Bundesregierung will nun beraten, ob sie der Regierung vorschlagen soll, auch in Österreich unfruchtbaren Frauen durch Eispenden eine Chance auf Kinder zu geben, oder ob die teils von den Krankenkassen mitfinanzierten Methoden weiterhin nur bei Unfruchtbarkeit des Mannes zum Einsatz kommen dürfen.

Das Argument, dass durch das Verbot ein Missbrauch verhindert werden könne, greift kaum, denn betroffene Frauen können sich Eizellen fast überall im Ausland besorgen - was auch die beiden Steirerinnen getan haben. Und nur, um wenigen älteren Damen späte Mutterschaft zu verwehren, auch Hunderten jungen Frauen, für die Eispenden die einzige Chance auf Kinder darstellen, diese Möglichkeit zu verweigern, ist ethisch noch bedenklicher. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 17.12.2002)

von Andreas Feiertag
  • Eizelle unter dem Mikroskop.
    pa/w. feichtinger
    Eizelle unter dem Mikroskop.
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