Reise ans Ende des Systems

19. Dezember 2002, 14:28
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NASA will die für mehr als 200 Jahre letzte Chance nutzen und eine Sonde zum Pluto schicken - auf der Suche nach einem zehnten Planeten

New York - Die Reise soll ans Ende des Sonnensystems führen. Dorthin, wo das Zentralgestirn nur noch als schwächlich blinkende Scheibe am Himmel steht und der rätselhafte Planet Pluto am Rande des Systems in eisiger Kälte seine Bahn zieht. Eine Raumsonde der Nasa soll als erstes menschengemachtes Objekt diese bisher im Dunklen verborgene Welt erkunden.

Läuft alles nach Plan, startet "New Horizons" 2006, erreicht Pluto zehn Jahre später und lässt die mysteriösen Kometen des so genannten Kuiper-Gürtels nach weiteren zehn Jahren hinter sich (siehe Grafik). Diese mehr als hunderttausend Kometen stammen wahrscheinlich aus der Anfangszeit des Sonnensystems. Wie archäologische Relikte die Vergangenheit des Menschen, so könnten diese Brocken aus Eis und Stein den Ursprung des Sonnensystems erklären. Vielleicht findet sich auf ihnen sogar organische Materie, Keime des Lebens.

Das würde die Theorie stützen, Meteoriten hätten das Leben auf die Erde gebracht. Die Kometen umrunden die Sonne in etwa auf der Bahn, die ein zehnter Planet einnehmen würde. Nicht auszuschließen, dass die Nasa-Sonde im Dunkel des Kuiper-Gürtel sogar einen Planeten entdeckt.

Die Nasa plant etwa 500 Millionen Euro für das Projekt ein. Die Regierung Bush legte nach Amtsantritt die Mission zunächst auf Eis. Doch starker Widerspruch vieler Wissenschafter bewog die zuständigen Abordnungen, die Finanzierung der Mission von "New Horizons" nun doch zu empfehlen. So ist es wahrscheinlich, dass Senat und Repräsentantenhaus in den nächsten Wochen dem nötigen Budget zustimmen werden.

Wissenschafter protestierten vor allem deshalb, weil sich 2006 für mehr als 200 Jahre die letzte Chance bietet, den Pluto mit vorhandener Technik zu erreichen. Startet die Sonde nur ein Jahr später, steht der Planet Jupiter so ungünstig, dass er für eine Beschleunigung der Sonde nicht mehr infrage kommt.

Auf der Erde mag ein Direktflug stets die beste Verbindung sein, der schnellste Flug zum Pluto jedoch führt über den Umweg Jupiter: Zunächst nimmt die Sonde Kurs auf den Riesenplaneten, den sie nach etwa einem Jahr erreicht. Wie eine Steilkurve beschleunigt die Anziehungskraft des Jupiter die Sonde auf 70fache Schallgeschwindigkeit. Mit diesem Schwung schafft sie die verbleibenden gut fünf Milliarden Kilometer (das ist 34-mal die Distanz von der Erde zur Sonne) in zehn Jahren.

Erst 2018 stehen die Planeten wieder so günstig, dass die Sonde am Jupiter Schwung holen könnte. Dann aber wird es einstweilen zu spät sein für gute Beobachtungen.

Es wird langsam Winter

Der Pluto und sein Mond Charon umkreisen die Sonne auf einer stark elliptischen Bahn einmal in 248 Erdenjahren. Seit sie 1989 ihren sonnennächsten Punkt erreichten, wird es dort immer kälter und dunkler. Schon bald müsse man damit rechnen, dass die Gashülle des Pluto kondensiert, daraufhin gefriert und auf den Boden absinke, sagt Alan Stern, wissenschaftlicher Leiter der "New Horizons"-Mission. Ein Blick auf den Planeten durch eine derartige Milchglasbedeckung wäre nicht möglich. Erst in 200 Jahren beginnt auf dem Pluto wieder der Sommer.

"New Horizons" soll im Spätsommer den Planeten passieren. An Bord der Sonde, so groß, aber nur halb so schwer wie ein Pkw, arbeiten vier Sorten von Instrumenten. Sie sollen die Himmelskörper in einem Raster von 60 Quadratmetern kartieren (selbst das Hubble-Teleskop schafft nur 500 Quadratkilometer), Temperaturen messen und die chemische Zusammensetzung ihrer Oberflächen und insbesondere der Pluto-Atmosphäre analysieren.

Die Forscher erhoffen sich auch Aufschluss über die Entstehung der Erdatmosphäre. Denn ähnlich wie die Erde in ihrer Frühzeit, verliert der Pluto gleich einem Kometen wahrscheinlich immer noch Gase an den Weltraum. Seine Masse scheint einfach zu gering, um leichte Gase wie Wasserstoff halten zu können.

Pluto ist der kleinste Planet im Sonnensystem; sogar der Erdenmond ist größer. Der Planetenstatus des Pluto wird daher immer wieder infrage gestellt. Zuletzt Anfang Oktober, als die Astronomen Mike Brown und Chad Trujillo vom California Institute of Technology ihre Entdeckung vorstellten: Im Kuiper-Gürtel erspähten sie einen Himmelskörper, der halb so groß wie Pluto ist und den sie "Quaoar" nannten. Vielleicht reduziert die Suche der "New Horizons" nach einem zehnten Planten deren Zahl auch auf acht. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 12. 2002)

  • Artikelbild
    illustration: nasa
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