Skurrile Storys beherrschen Skirennsport

20. Dezember 2002, 12:51
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Absichtliche Torfehler, Proteste gegen die eigenen Läufer... Das Training von Gröden war eine unterhaltsame Sache

Beim Abschlusstraining für die Abfahrt am Samstag gingen 4000 Euro an Fritz Strobl, 3000 an Michael Walchhofer und 1000 an Kjetil Andre Aamodt. Andere bemühten sich um eine möglichst langsame Zeit.

Im Skizirkus ist die große Verkopfung im Gange. Die Versuche, den Sport mittels Regeländerungen attraktiver zu machen, wirken krampfhaft bis verzweifelt bis tollpatschig, aber prinzipiell drängen sie sich auf: Immer weniger TV-Stationen tragen die Skirennen in die Welt hinaus.

Das gestrige Abschlusstraining für die Abfahrt am Samstag wird den globalen Trend nicht umkehren. Es gab erstmals Preisgelder für die ersten Drei, um die Taktiererei zu verhindern. Schließlich haben die ersten 30 im Rennen in umgekehrter Reihenfolge zu starten. Bei vielen Rennen peilt man einen vorderen Startplatz und also eine eher langsame, aber nicht zu langsame Trainingsfahrt an, um nicht aus den ersten 30 zu fallen. In Gröden lehrt die Erfahrung, dass die Nummer gar nicht hoch genug sein kann. Ein Wetterumschwung kann freilich alles umdrehen.

Gestern sah man zwei Taktiken. Manche rasten, um sich und das Gerät zu testen und sich ums erste Trainings-Preisgeld zu bewerben, und eine Nummer kurz vor 30 ist ja nicht so schlecht. Fritz Strobl: "Mir geht die Taktiererei auf die Nerven."

Andere bremsten sicherheitshalber. Der Gefahr, zu langsam zu sein, kann man nämlich nun witzigerweise damit begegnen, dass man noch viel langsamer ist oder ein Tor auslässt, um ja nicht unter die 30 zu kommen. Ist man in der Weltrangliste weit vorn, kommt man bald nach den ersten 30 dran im Rennen. Andreas Schifferer legte Bremsschwünge im Zielhang ein: "Die Regel ist ja schizophren." Didier Cuche (SUI) blieb vor der Ziellinie stehen, wartete, löste die Zeitnehmung mit der Hand und mit etwas mehr als 14 Sekunden Verspätung aus, Hannes Trinkl verpasste ein Tor, meinte, dass dort schon einige Spuren auf die - je nach Anschauung - falsche oder richtige Fährte lockten. Er und Gefährte Werner Franz wurden nicht disqualifiziert. Worauf der ÖSV gegen die Nichtdisqualifikation protestierte. Im Falle Franz gab die Jury dem Protest statt, Trinkl war sowieso nur 32. gewesen.

Aber das ist noch nicht alles an Skurrilität, es ließe sich noch eine Finte draufsetzen. Verschläft nämlich einer die Startnummernausgabe, dann wird er damit bestraft, dass er hinter den ersten 30 und den 400-Punkte-Fahrern drankommt, so er selber keiner ist.

"Ich bin mitten drinnen, sehe den Zirkus nicht von außen", sagt Abfahrtsolympiasieger Fritz Strobl. A la longue wird die Innenwelt ohne Außenwelt nicht auskommen, weshalb auch Strobl festhält: "Das Interesse lässt nach, weil wir so stark fahren.

So richtig spannend geht's innerhalb der österreichischen Teams zu, Rennläufer, die überall sonst ein Fixleiberl hätten, müssen sich erst fürs Rennen qualifizieren. Schifferer, immerhin Abfahrtsdritter zuletzt in Val d'Isère, in Übersee in der Quali gescheitert: "Ich komme mir vor wie ein Ersatzspieler bei Real Madrid." Auch Stephan Eberharter hat schon oft laut darüber nachgedacht, wie es wäre, für Deutschland zu starten. Er kam zum Schluss, dass er zehnmal so viel verdienen würde wie in Österreich. Die Deutschen freilich wollen sich nicht mit fremden Federn schmücken, bauen auf den Nachwuchs.

Neue Regeln locken keinen vor den Fernseher; der K.o.-Slalom in Sestriere entfachte nicht gerade das Feuer der Begeisterung. Die Quoten steigen dort, wo der Erfolg zu Hause ist, zum Beispiel bei der Familie Kostelic in Kroatien. In Österreich und in der Schweiz sind die Einschaltziffern unverändert hoch. Aufruf an die Skiwelt: Üben. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 20. Dezember 2002, Benno Zelsacher aus Gröden)

Ergebnisse des zweiten Trainings am Donnerstag für die Weltcup-Abfahrt der Herren in Gröden:

1. Fritz Strobl (AUT) 1:55,94 Minuten 2. Michael Walchhofer (AUT) + 0,03 3. Kjetil-Andre Aamodt (NOR) 0,22 4. Kristian Ghedina (ITA) 0,23 5. Max Rauffer (GER) 0,40 6. Ambrosi Hoffmann (SUI) 0,46 7. Bruno Kernen (SUI) 0,47 8. Marco Sullivan (USA) 0,52 9. Bode Miller (USA) 0,85 10. Daron Rahlves (USA) 0,93

weiter:
15. Hans Knauss (AUT) 1,37 28. Thomas Graggaber (AUT) 1,67 32. Hannes Trinkl (AUT) 1,94 33. Josef Strobl (AUT) 1,98 34. Klaus Kröll (AUT) 2,00 37. Peter Rzehak (AUT) 2,06 57. Andreas Schifferer (AUT) 4,12 62. Didier Cuche (SUI) 14,50 Disqualifiziert: Werner Franz, Andreas Buder (beide AUT)

Ergebnisse des ersten Trainings am Mittwoch für die Weltcup-Abfahrt der Herren in Gröden:

1. Max Rauffer (GER) 1:58,09 Minuten 2. Erik Seletto (ITA) + 0,05 3. Stefan Stankalla (GER) 0,47 4. Antoine Deneriaz (FRA) 0,53 5. Andrej Jerman (SLO) 0,74 6. Jakub Fiala (USA) 0,79 7. Nicolas Burtin (FRA) 0,87 8. Peter Fill (ITA) 0,88 9. AJ Bear (AUS) 0,89 10. Marc Bottollier-Lasquin (FRA) 0,95

weiter:
15. Michael Walchhofer (AUT) 1,41 16. Fritz Strobl (AUT) 1,46 23. Andreas Schifferer (AUT) 1,83 28. Hans Knauß (AUT) 1,98 33. Werner Franz (AUT) 2,12 35. Peter Rzehak (AUT) 2,15 52. Josef Strobl (AUT) 2,90 53. Hannes Trinkl (AUT) 2,92 55. Klaus Kröll (AUT) 3,12 60. Andreas Buder (AUT) 3,46 61. Thomas Graggaber (AUT) 3,47

Rennprogramm:

  • Super G (Freitag/Start: 12.00 Uhr)
  • Abfahrt (Samstag/10.15 Uhr)
  • Riesentorlauf (Sonntag/10.15 und 13.00 Uhr)

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