Dow Jones in Richtung 120.000

23. Dezember 2002, 13:41
14 Postings

Die Börsen werden bis 2030 einen Höhenflug erleben - Das weiß die Credit Suisse First Boston - Ein Gastkommentar von Michael Margules

Die Vorstellung, daß das wichtigste aller (US-)Börsenbarometer im Jahr 2030 über 120.000 steigt oder der Londoner FTSE-100-Index auf 60.000 klettert, mag insbesondere nach den Erfahrungen der bald letzten drei Jahre absurd anmuten. Diese hohen Zahlen sind das Ergebnis von Hochrechnungen gemäß einer Schweizerisch-amerikanischen Koproduktion namens der Credit Suisse First Boston (kurz: CSFB).

***

In der jährlich publizierten Gilt-Equity-(Anleihen-Aktien)Studie verglichen die Londoner CSFB-Analysten den Wertzuwachs von Aktien-, Bond- und Geldmarktanlagen ab 1925 bis zum Jahr 2000. Erstmals wurde die Analyse von Britannien auf die USA, Japan und Europa ausgedehnt. Die Studie der CSFB nimmt für sich keinen Prognosecharakter in Anspruch. Als Grundlage für die Projektion diente die Wertentwicklung an den Aktienmärkten, insbesondere jenen der USA und Großbritanniens, in den vergangenen 130 Jahren. Die Resultate bestätigen, daß Aktien langfristig den höchsten Ertrag abwerfen. Allerdings verbleibt als Wermutstropfen: Die beobachteten Risikoprämien von Aktien gegenüber Obligationen im Bereich von 4 bis 7 Prozent sind kaum mit einem ökonomischen Gleichgewicht vereinbar.

Fette neunziger (Aktien)Jahre

In den neunziger Jahren wurden die Anleger mit historisch hohen Renditen verwöhnt. Wird z. B. für den schweizerischen Aktienmarkt der Zeitraum von Ende 1925 bis Ende 2000 in 5-jährige Perioden unterteilt, so zeigt sich, daß die beiden letzten mit durchschnittlichen jährlichen Renditen von 18,5 Prozent (1990-1995) beziehungsweise sogar 21,5 Prozent (1995-2000) an der Spitze stehen. Die drittbeste Periode war jene von 1980 bis 1985 mit 16,8 Prozent.

Zum Vergleich: Über die gesamten 75 Jahre betrug die Durchschnittsrendite „nur“ 8,6 Prozent. Für einen Vergleich der Aktienmarktentwicklung Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Japans und der Vereinigten Staaten – die Wiener Börse wurde „überraschenderweise“ in der Studie nicht berücksichtigt – wurden Performance-Indizes in Schweizerfranken berechnet. In den dreißiger und vierziger Jahren führten teilweise stürmische Wechselkursentwicklungen zu sehr starken Schwankungen.

USA: das ist Spitze

Trotz dem im Beobachtungszeitraum massiv, von Franken 5,17 auf Franken 1,62, gesunkenen Wechselkurs des US-Dollars legten amerikanische Aktien mit 9,2 Prozent im Jahresdurchschnitt über einen halben Prozentpunkt mehr zu. Im Endvermögen führt dies zu einem beträchtlichen Unterschied: 100 Franken, die 1925 im amerikanischen Markt investiert wurden, stiegen auf rund 71.600 Franken.

Am schweizerischen Markt hätte der Betrag „lediglich“ gut 50. 200 Fr. erreicht. Unterbrochen von einer kurzen Phase Ende der siebziger Jahre, bewegte sich der amerikanische Markt ab 1949 immer auf dem höchsten Niveau. Die Spannweite seiner jährlichen Renditen (in Franken) reichte von 89,8 Prozent (1936) bis -43,8 Prozent (1931). Das Risiko lag mit einer Standardabweichung von 23,4 Prozent um mehr als 4 Prozentpunkte über demjenigen der schweizerischen Aktien. Alle anderen Aktienmärkte wiesen noch höhere Volatilitäten auf.

Börsen-Kriegsgewinner Japan und Deutschland

Erstaunlicherweise ist die Performance der deutschen Aktien trotz den Wirren und Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs mit einem Endvermögen von rund 36.100 Franken die drittbeste aller untersuchten Länder. Besondere Beachtung verdient die Börsenentwicklung im Land der aufgehenden Sonne. Den mit Abstand größten beobachteten Wertverlust über mehrere Jahre erlitten japanische Aktien von Anfang 1940 bis Ende 1947. Von einem ursprünglichen Vermögen von 100 Franken blieben nach acht Jahren nur noch etwas über 5 Franken übrig. Auf diesen kumulierten Wertverlust von knapp 95 Prozent folgte allerdings bis Ende 1989 ein derart rasanter Kursanstieg, daß die noch verbliebenen 5 Franken auf über 10 500 Franken stiegen.

Dies entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Kursanstieg von nicht weniger als 19,8 Prozent über eine Periode von 42 Jahren. Japan schneidet deshalb in Vergleichen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnen, am besten ab. Mit ihrer fulminanten Nachkriegs- Performance hatte sich die japanische Börse allen anderen verglichenen Aktienmärkten wieder angenähert oder sie sogar überholt. Der Krebsgang, der Anfang der neunziger Jahre einsetzte, reduzierte das in japanischen Aktien angelegte Vermögen bis Ende 2000 jedoch wieder auf knapp 7.500 Franken.

Ausblick

Selbstverständlich haben und werden die Kursrückgänge der Jahre 2001 sowie 2002 ihre Spuren in der Statistik hinterlassen beziehungsweise ziehen. Und man braucht wohl kein allzu großer und mutiger Prophet zu sein, um den Börsen für die Fünf-Jahres-Periode 2001-2005 eine negative Performance vorherzusagen. Doch ebenso bedarf es nicht allzu großen Gurutums, wonach Aktien auch in Zukunft eine langfristig höhere erwartete Renditen aufweisen als andere Anlageformen werden.

Es ist allerdings davon auszugehen, daß die Mehrrendite von Aktien gegenüber Anleihen in der Zukunft um einiges tiefer als in der Periode 1925-2000 ausfallen wird. Dementsprechend kommt dem weitaus längerfristig zu kalkulierenden Anlagehorizont große Bedeutung zu, und zum anderen der Frage des Einstiegszeitpunkts, also das Startjahr eines Investments. Letzteres wird oder wäre bei einem Dow Jones Indexstand von 120.000 im Jahr 2030 jedoch wiederum von untergeordneter Relevanz – dazu paßt im augenblicklichen Szenario wohl am ehesten der Leitspruch des Österreichischen Fußballteamchefs, der in der abgelaufenen Woche seinen bis dato mit der Vergabe der Fußball-Euro 2008 an das Konsortium Österreich-Schweiz seinen bedeutendsten Sieg errungen hat – die Hoffnung stirbt zuletzt, oder wie im Falle der Resultate der „unsrigen“ Kicker an deren Betätigungsfeld – träumen wird man wohl doch und noch dürfen!

Nachlese

--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
  • Artikelbild
    montage: derstandard.at
Share if you care.