Kopflastiges Spiel des Begehrens

15. Dezember 2002, 21:15
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Das Stuffed Puppet Theatre mit "Salomé" im Schauspielhaus

Wien - Als er 1978 aus dem australischen Toowoomba zum Festival of Fools nach Amsterdam anreiste, um seine Puppentheaterkunst zu zeigen, blieb er gleich da. Neville Tranter zieht seither als Macher des Stuffed Puppet Theatre seine Runden, heimst kleine Preise ein (große gibt es in diesem Genre nicht) und macht sich für seine Langzeitproduktionen (u. a. "Mac- beth!", "Kaspar Hauser") den für Figuren- und Puppentheater fruchtbaren holländischen Boden zunutze.

Perfekt passt Tranters Performance ins derzeitige, von internationalen Gastspielen geprägte Konzept des Wiener Schauspielhauses, wo er vom vergangenen Freitag bis Sonntag seine locker an Oscar Wilde angelehnte Salomé zum letzten Mal zeigte ("last performances of Salomé ever", www.stuffedpuppet.nl): Salomé, die Stieftochter des Königs Herodes Antipas, verlangt - von ihrer Mutter angestiftet - den Kopf Johannes des Täufers.

Mit ausgeprägtem Raumempfinden (und ebensolcher Rückenmuskulatur) führt Mensch Tranter fünf mannshohe Figuren und mimt mitten unter ihnen den blinden Mörder Naaman selbst. Dass nach sechs Jahren ebendieser Salomé jetzt im Endspurt so manche Übergänge schadhaft wurden, sieht man der unterhaltsamen Darbietung nach. Es entschädigen Momente, die vom unglaublichen Eigenleben der Pappmaché-Damen und -Herren getragen werden. Und solche, in denen Tranter den Figuren eigenhändig verzückende Bewegungen entlockt. Mit drei neckischen Bauchmuskelpölsterchen ausgestattet tänzelt "the sexy little thing" Salomé unter den rot glühenden Kristallaugen des Königs ab oder streckt sich - hingebungsvoll vom halbgrazilen Tranter geführt und betörend gesprochen - lasziv vor Jochanaan hin.

Mit Schicklgruber, einer Arbeit über Hitlers letzte Tage im Bunker, gastiert das Stuffed Puppet Theatre bei den nächsten Wiener Festwochen.(DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2002)

Von Margarete Affenzeller

LinksStuffed Puppet

Schauspielhaus

  • Artikelbild
    montage: derstandard.at / fotos: schauspielhaus
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